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Odenwaldschule : Die Herren vom Zauberberg

Gerold Becker im Unterricht Bild: ddp

Gewissenlose Verbrecher hätten die pädagogischen Grundlagen der Odenwaldschule erschüttert, klagte Schriftstellerin Amelie Fried in der F.A.Z. Ein Blick auf die Geschichte der Schule und ihres Personals zeigt, dass die Probleme noch viel tiefer liegen.

          Ein skurriler Vogel sei er gewesen, sagen Kollegen aus der Bildungsforschung heute über ihn. Doch wer ist Gerold Ummo Becker, der frühere Leiter der Odenwaldschule und Lebensgefährte Hartmut von Hentigs wirklich? Seine Herkunft bleibt seltsam dunkel. Geboren ist er 1936. Ort, Region oder familiärer Kontext werden selbst in einschlägigen Biographien verschwiegen. Nach wenigen Semestern Architektur hat er evangelische Theologie und Philosophie studiert und war kurz im kirchlichen Dienst, wurde aber schon 1964 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem Göttinger Pädagogen und Psychologen Heinrich Roth (1906 bis 1983) an dessen Pädagogischem Institut. Spätestens dort begegnete er auch Hentig, der 1963 nach Göttingen berufen worden war.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Das spätere Dreigestirn Hentig, Becker, Bueb hat dort seine Beziehungen geknüpft. Bernhard Bueb, von Hause aus katholischer Theologe, kam 1968 an den Lehrstuhl Roths, blieb dort drei Jahre und ging dann zu Hentig, dem Begründer der Bielefelder Laborschule, an die Universität Bielefeld. Längst hatten die drei aber ein Bildungsprogramm entworfen, das Hentig in seinen Memoiren als „Initiative zur Umwandlung der Bildungseinrichtungen in Deutschland zu Orten der Aufklärung, der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit“ beschreibt – und zwar als Korrektiv der überkommenen Ziele und Ideale. Aufbruchstimmung herrschte in Bielefeld um Hentig. Becker entschied sich dennoch für die Odenwaldschule, wo er von 1969 an unterrichtete. Als „tödlich“ habe er diese Trennung des ihm „verwandtesten“ Geistes empfunden, der sich in diesen „pädagogischen Zauberberg“ verliebt hatte. „Mir ahnte zum ersten Mal, dass mein Gang von nun an vor allem eins sein würde: einsam“, heißt es in Hentigs Memoiren.

          Landerziehungsheime lebten vom Kontrast zum staatlichen Schulsystem

          In seinem ersten Jahr als Schulleiter in der Odenwaldschule (1972), holte Becker Bernhard Bueb als Lehrer nach Hambach. Allerdings blieb dieser nur zwei Jahre und wurde 1974 Schulleiter des Internats Schule Schloss Salem, das er bis 2005 führte. Becker leitete die Odenwaldschule von 1972 bis 1985. Er war geprägt von der Reformpädagogik des antisemitisch gesonnenen Hermann Lietz’ (1868 bis 1919), des Gründers des ersten Landerziehungsheims für Jungen. Lietz war Verfechter der getrennt-geschlechtlichen Erziehung, die von ihm gegründeten Heime wurden erst sehr viel später koedukativ. Landerziehungsheime sollten eine Lern- und Lebensgemeinschaft werden, die vom Kontrast zum staatlichen Schulsystem lebte, das sich für die Reformpädagogen allein mit Wissensvermittlung begnügte. Lange Radtouren oder Arbeiten in Wald und Feld waren Lietz wichtig, während spätere Reformpädagogen wie der weichere Paul Geheeb (1870 bis 1961) mehr auf musische und handwerkliche Tätigkeiten und auf ein kontemplatives Verhältnis zur Natur setzten. Lietz und Geheeb hatten sich 1892 im religionsphilosophischen Seminar in Jena kennengelernt und waren eng befreundet.

          Ohne die prägenden geistesgeschichtlichen Strömungen der damaligen Zeit, den Kulturprotestantismus, die Homosexuellenemanzipation, die Lebensreformbewegung und den pädagogisch-platonischen Eros lassen sich die Anfänge der Landerziehungsheimbewegung mitsamt ihrer Erlösungsrhetorik nicht verstehen. 1910 gründete der sendungsbewusste Geheeb mit seiner zweiten Frau Edith Cassirer 1910 die Odenwaldschule in Ober-Hambach, das erste Internat, das von Anfang an koedukativ war, den Unterricht im Rahmen eines flexiblen Kurssystems organisierte, die Mitbestimmung der Schüler hochhielt und damit erhebliche Aufmerksamkeit fand. Geheeb sah die Trennung der Geschlechter an staatlichen und nicht-staatlichen Schulen seiner Zeit als unpädagogische Reduktion der natürlichen Welt.

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