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Occupy Frankfurt : Das Camp

  • Aktualisiert am

Inzwischen geräumt: das Occupy-Camp vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt Bild: Kien Hoang Le

Über Monate haben Demonstranten vor der Europäischen Zentralbank gezeltet. Wochenlang hat Wibke Becker bei ihnen rumgehangen, Freud und Leid geteilt. Occupy von innen.

          14 Min.

          25. April

          Eine Frau rührt mit einem riesigen Holzlöffel in einem großen Topf. Die Frau ist klein, fasst den Löffel mit beiden Händen. Sie kocht für 50 Leute Pasta. 10 Tüten Nudeln und kiloweise Gemüse. Zweimal am Tag wird im Camp gekocht - wenn sich Leute dafür finden und wenn es genug Lebensmittel gibt. Heute sind die Regale voll. Nicht unbedingt mit dem, was mit Filzstift zur Ordnung auf das Regalholz geschrieben wurde, dennoch: alles da. Die „Tafel“ bringt Essen vorbei, einige Bewohner gehen containern, andere kaufen vom Spendengeld ein. Als die kleine Frau das Nudelwasser abgießen muss, ruft sie nach Hilfe, alleine kann sie den Topf nicht halten. Dann schreien Leute durch das Camp: Essen! Teller werden auf die Durchreiche gestellt, jeder nimmt sich selbst. Wer da ist, darf mitessen. Küchenregel: Jeder wäscht seinen Teller in der Spüle im Versammlungszelt ab. Daran hält sich kaum einer.

          26. April

          Heute kocht die kleine Frau nicht. Sie sitzt auf einem Sofa und dreht sich eine Zigarette. Das Küchenzelt muss abgebaut werden, krächzt sie. Manchmal ist sie so heiser, dass sie bei einer Asamblea, einer Campversammlung, einem anderen ins Ohr flüstern muss, der dann alles laut wiederholt. Die kleine Frau sagt: Das Ordnungsamt macht Stress. Auch einige andere Zelte sollen weg, weil sie zu nahe an den Bäumen stehen. Und die Heringe sind zu lang.

          Außerdem soll der Müll weg, der seit dem Winter neben den Tonnen lagert. Es gibt Auflagen vom Ordnungsamt, und wenn die nicht erfüllt werden, dann kostet es richtig Geld. Die anderen in den Sofas um den Tisch meinen: Das Amt macht Stress, weil jetzt der Frühling kommt und weil es bald Blockupy gibt - europaweite Protesttage in Frankfurt, die von einem Aktionsbündnis organisiert werden, dessen Wurzel Occupy und das Camp sind. Die kleine Frau sagt: Hey, wir sind historisch. Hier ist der Ort, an dem es passiert.

          Szenen aus dem Camp: Aktivisten wärmen sich am Morgen an einem Grill

          Der Alltag im Camp fühlt sich nicht historisch an. Es stinkt, die Teppiche im Versammlungszelt sind nass und dreckig, Obdachlose haben sich einquartiert, viele der ursprünglichen Aktivisten leben nicht mehr in den Zelten, seit nachts Minusgrade herrschten. Der Umgangston ist rauh, es wird viel geschrien und beleidigt, in Mengen Alkohol getrunken und Tüten geraucht.

          Wenige kümmern sich noch um die Organisation, die meisten lassen sich bedienen. Irgendwann hat derjenige, der „Asamblea“ durch das Camp geschrien hat, aufgehört zu schreien, weil keiner mehr kam. Occupy ist so sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, dass die große Bank vor den Zelten nicht mehr existiert.

          28. April

          Morgens wird endlich der Müll abgeholt. Stundenlang wuchten einige die Holzpaletten, alten Möbelstücke und den restlichen Dreck in die Transporter. 1000 Euro kostet der Service. Auch das Küchenzelt ist abgebaut. Es steht jetzt einige Meter weiter. Es ist aber noch nichts drin außer der Spüle. Regale, Essen, Kisten, Töpfe und Pfannen stehen im Veranstaltungszelt kreuz und quer herum. Keiner kümmert sich darum. Die Leute flezen am ersten warmen Tag im Jahr in der Sonne. Abends gibt es eine kleine Party mit Musik.

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