https://www.faz.net/-gpf-82tio

Vereitelter Anschlag in Hessen : In der Ehe radikalisiert

Polizisten durchsuchen einen Wald bei Oberursel, an dem die Strecke des Radrennens „Rund um den Finanzplatz Frankfurt“ stattfinden soll. Bild: Helmut Fricke

Dass es ausgerechnet ein Ehepaar war, das sich in islamistischen Kreisen radikalisiert haben soll, ist kein Einzelfall. Gerade in Hessen gab es zuletzt ähnliche Fälle. Das verdächtige Paar in Oberursel galt in der Nachbarschaft zwar als muslimisch-konservativ – ein Attentat zu planen, hätte ihnen aber keiner zugetraut.

          2 Min.

          Die Islamistenszene im Rhein-Main-Gebiet zählt schon seit Jahren zu einer der größten und aktivsten in Deutschland. Als am Frankfurter Flughafen der Attentäter Arid Uka 2011 einen Anschlag auf amerikanische Soldaten verübte, machten die Sicherheitsbehörden relativ schnell deutlich, diesen Anschlag habe man nicht verhindern können, weil Uka nicht im Fokus der Ermittler gestanden habe. Er sei ein Paradebeispiel eines Islamistentypus gewesen, der sich selbst radikalisiert haben soll, ohne zu einem der bekannten islamistischen Netzwerke zu gehören. Mehrere weitere hundert Islamisten jedoch hat die Polizei inzwischen in ihrer Datei gespeichert.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie sind eingestuft in Kategorien, die Auskunft darüber geben, wie groß das jeweilige Gefährdungspotential ist. Das Ehepaar gehörte nach allem, was bisher bekannt ist, in die mittlere Kategorie. Beide Verdächtige waren den Behörden schon seit Jahren bekannt, zuletzt standen sie unter ständiger Beobachtung. Jedoch gehörten sie nicht zu denen, von denen man unbedingt davon ausgehen musste, dass sie bereit seien, einen Anschlag zu verüben. Aus Sicht der Behörden ist das jedoch der gefährlichste Typus. Sie passen nicht in das übliche Raster: Muslim, männlich, jung und erlebnisorientiert, wie es die meisten Syrien-Ausreisenden sind. Stattdessen führte das Paar in einem durchaus bürgerlichen Wohnumfeld in Oberursel ein nach außen hin fast normales, recht geordnetes Familienleben. Sie erschienen Nachbarn zwar als muslimisch-konservativ, die Frau war vollverschleiert. Aber sie galten offenbar nicht als jemand, dem man ein Attentat zutraut.

          Dass es ausgerechnet ein Ehepaar war, das sich in islamistischen Kreisen radikalisiert hat, ist kein Einzelfall. Gerade aus Hessen wurden in jüngerer Vergangenheit mehrere solcher Fälle bekannt. Im November 2014 war eine 27 Jahre alte Frankfurterin festgenommen worden, die mit ihrem Ehemann und zwei Kindern nach Syrien ausgereist war. Auf ihrer Rückreise hatte sie einen Sprengsatz im Gepäck. Nach Informationen dieser Zeitung bestand dieser aus Ammonium- und Kaliumnitrat, das nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden zum Bau einer Bombe dienen sollte. Die Frau war an einem Flughafen in der Türkei aufgegriffen worden. Während sie später nach Deutschland einreisen durfte, blieb ihr Mann, der wie sie die deutsche Staatsangehörigkeit hatte, aber türkischer Herkunft war, vorerst in der Türkei in Untersuchungshaft.

          Im Februar dieses Jahres war der 29 Jahre alte Frankfurter Abdelkarim B. am Düsseldorfer Flughafen festgenommen worden. Dem Deutschen mit arabischen Wurzeln wurde, wie den meisten Beschuldigten mit islamistischem Hintergrund, die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vorgeworfen. Er soll sich ebenfalls eine mit Ammonium- und Kaliumnitrat gefüllte Rohrbombe beschafft haben.

          Abdelkarim B. war im Herbst 2013 zunächst in die Türkei und dann nach Syrien gereist. Seine Frau folgte ihm mit den beiden gemeinsamen Kindern im Frühjahr 2014 nach.

          Die Staatsanwaltschaft Frankfurt führt derzeit mehr als 70 Verfahren gegen Islamisten aus Hessen. In den meisten Fällen handelt es sich um Syrien-Ausreisende, die unter dem Verdacht der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat stehen. Für die nächsten Jahre rechnen die Justizbehörden mit einer Vielzahl von Verurteilungen.

          Erst vor einigen Tagen wurde vor dem Landgericht Frankfurt das Urteil gegen Keramat G. bestätigt. Der Frankfurter Maschinenbaustudent hatte in einer eigens angemieteten Wohnung eine Bombe bauen wollen, die ihn dann aber noch während der Herstellung selbst schwer verletzte. Die Anleitung zum Bau stammte aus der Al-Qaida-Zeitschrift „Inspire“ - unter dem Titel „Make a bomb in the kitchen of your mum“. Das Gericht war der Ansicht, dass G. „fest entschlossen“ gewesen sei, die Bombe auch einzusetzen.

          Aus Sicherheitskreisen in Hessen ist regelmäßig zu hören, dass die Behörden mit den Ermittlungen gegen die Verdächtigen aus der Islamistenszene kaum noch nachkämen. Allein die Zahl der Syrien-Ausreisenden steige stetig an. Die Rückkehrer im Blick zu behalten, sei aber die weitaus größere Herausforderung. Die Zahl derer, die inzwischen aus Hessen nach Syrien ausgereist sind, um dort für den „Islamischen Staat“ oder andere terroristische Vereinigungen zu kämpfen, liegt nach offiziellen Angaben zwischen 50 und 100.

          Weitere Themen

          Hauptsache witzig

          Boris Johnson als Autor : Hauptsache witzig

          Fakten spielten für Boris Johnson nie eine wesentliche Rolle. Auch nicht in seiner Zeit als Buchautor und Journalist.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.