https://www.faz.net/-gpf-88zzl

Oberbürgermeister-Wahl in Köln : Farben der Ohnmacht

Sozialdemokratisch geprägt: Reker mit dem CDU-Landesvorsitzenden Laschet, Ministerin Löhrmann (Grüne) und dem FDP-Vorsitzenden Lindner (von links) Bild: dpa

Ob parteilose Kandidatin mit Parteifarben-schillernden Karriereweg oder verpfuschten Stimmzetteln zur Oberbürgermeisterwahl: Warum in Köln die Dinge nicht immer sind, wie sie scheinen. Eine Spurensuche in der Heimat des Klüngels.

          7 Min.

          Michaelshoven ist eine Kölner Institution. 1950 gründete Pfarrer Erwin te Reh sein Diakoniedorf, um Flüchtlings-Waisenkindern aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten eine neue Heimat zu schaffen. Heute ist die Diakonie Michaelshoven der größte diakonische Träger im Raum Köln. Am Stammsitz im Stadtteil Rodenkirchen und in mehreren Außenstellen betreuen Mitarbeiter nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch alte Menschen und Behinderte. Michaelshoven ist wie ein Park gestaltet, eine grüne Oase mitten in Köln. Henriette Reker und Jochen Ott, die beiden wichtigsten Oberbürgermeisterkandidaten, sind gerne zum Empfang am 65. Gründungstag des Diakoniedorfs in die Erzengel-Michael-Kirche gekommen. Es ist für beide eine Verschnaufpause in einem überlangen Wahlkampf: Sie dürfen einfach nur dabei sein, müssen keine Reden halten. Während Ott etwas abseits an einer Infotafel steht, bildet sich um Reker eine kleine Traube von Leuten, die ihr die Hand schütteln oder ein Foto von ihr machen wollen.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Eigentlich hätte die Oberbürgermeisterwahl in Köln wie in vielen anderen großen Städten Nordrhein-Westfalens am 13. September stattfinden sollen. Doch Anfang September bewertete die Bezirksregierung die von der Kölner Stadtverwaltung angefertigten Stimmzettel als unrechtmäßig. Auf den Zetteln waren die Parteikürzel besonders groß gedruckt, während die Namen der Kandidaten nur schwer zu lesen waren. Damit werde ein „Überstrahlungseffekt“ erzielt, der andere Informationen in den Hintergrund dränge. Aus Sicht der Aufsichtsbehörde wären parteilose Kandidaten wie die von CDU, Grünen, FDP und Freien Wählern unterstützte Kölner Sozialdezernentin Henriette Reker benachteiligt worden. Um fünf Wochen, auf den 18. Oktober, musste die Wahl verlegt werden. Es war ein neuerliches Imagedesaster für die viertgrößte Stadt Deutschlands, die es in den vergangenen Jahren selten überregional mit guten Nachrichten in die Medien schaffte, dafür aber regelmäßig mit schlechten wie dem Archiveinsturz oder einer Oper, der die Obdachlosigkeit droht, weil das Opernhaus nicht rechtzeitig fertig wird und niemand an ein Ersatzquartier gedacht hat. Und Anfang September dann die Stimmzettel-Panne.

          Reker fordert besseres Image für Köln

          Als die Grußworte vorbei sind und die Ausstellung zum Michaelshoven-Jubiläum in der Erzengel-Michael-Kirche eröffnet ist, steht Reker an einem der Bistrotische. So ein verlängerter Wahlkampf habe auch seine guten Seiten, sagt sie tapfer lächelnd. „Ich kann noch viel mehr Leute treffen, noch viel mehr gute Gespräche führen.“ Aber dann erzählt Reker, die laut einer Umfrage kurz vor der Panne eine absolute Mehrheit schon im ersten Wahlgang erzielt hätte, doch auch von den vielen Problemen, die sich aus der Verschiebung ergeben. In aller Eile musste Reker den Mietvertrag für ihre Wahlkampfzentrale verlängern, in ihrem jungen Team sind viele Studenten, die eigentlich schon längst wieder in Vorlesungen und Seminaren sein müssten. Mitte September, kurz nach dem eigentlichen Wahltermin, hatte Reker einige lustige Begegnungen. „Die Leute fragten mich: Was machen Sie immer noch Wahlkampf? Ich hab Sie doch längst per Briefwahl gewählt.“ Es waren Kölner, die im Urlaub in fernen Ländern nichts von der Stimmzettel-Panne mitbekommen hatten. Immer wieder muss Reker Bürger nun dazu motivieren, noch einmal abzustimmen. „Die Sache treibt die Leute sehr um. Es hat ihr Vertrauen in die Kölner Verwaltung weiter untergraben.“

          Weitere Themen

          Massenproteste in Brasilien Video-Seite öffnen

          Bolsonaros Corona-Politik : Massenproteste in Brasilien

          Zehntausende haben in Brasilien erneut für die Amtsenthebung und gegen die Corona-Politik des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro demonstriert. Kundgebungen waren in mehr als 400 Städten angekündigt.

          Topmeldungen

          Afghanistan : Eine Stadt in Angst

          Die Taliban stehen vor Kabul. Viele Einwohner der afghanischen Hauptstadt sind verzweifelt und fragen sich, ob sie fliehen sollen. Ein paar junge Frauen wollen kämpfen.

          Basketball-Star Luka Dončić : Schaut diesem Jungen zu!

          Luka! Die besten Basketballspieler werden beim Vornamen genannt. Der Slowene Dončić will in Tokio den Entertainern der USA die Show stehlen. Denn vielleicht ist seine erste Chance schon die letzte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.