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Obdachlosenzählung : Berlin wird sich rechtfertigen müssen

  • -Aktualisiert am

Obdachlose schlafen im November 2016 unter einer S-Bahn-Brücke am Bahnhof Zoo in Berlin. Bild: Imago

In Berlin wurden die Obdachlosen gezählt. Es waren 1976 – weniger als gedacht. Das wird Folgen haben.

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          Aus Berlin kam diese Woche eine gute Nachricht. Auch das gibt es. In der Hauptstadt sind viel weniger Menschen obdachlos als angenommen. In groben Schätzungen war immer von 6000 bis 10.000 Obdachlosen die Rede. Genaueres wusste niemand. Wie auch? Sollen Tausende nachts die Stadt durchkämmen und nachzählen?

          Genau das wurde jetzt gemacht. In einer dunklen und kalten Januarnacht schwärmten 2600 Freiwillige aus und zählten und befragten im gesamten Stadtgebiet alle Obdachlosen, die sie fanden. Das waren 1976. Es ist eine Zahl, die so niedrig ist, dass viele sie nicht glauben wollten.

          Ein guter Richtwert

          Eine Sprecherin der „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“ sagte, die Zahlen seien „unrealistisch“. Die Zählung sei vorher auf Postern angekündigt worden. Deshalb hätten sich in der Nacht viele Obdachlose versteckt. Das kann sein. Es ist nur die Frage, wie groß diese Dunkelziffer ist.

          Die Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach von der Linkspartei reagierte ganz überzeugend auf die Zweifel. Sie sagte: „Es werden sich sicher nicht 8000 obdachlose Menschen versteckt haben.“ Die Zahl ist also mindestens ein guter Richtwert, zumal die Zählweise von Wissenschaftlern entwickelt und in New York und Paris erprobt wurde.

          Was bedeutet die Zahl? Erst einmal ist sie ein Erfolg. Es gibt neben den 1976 Obdachlosen nämlich rund 36.000 Menschen in Berlin, die keine Wohnung haben, aber trotzdem nicht obdachlos sind. Sie leben in Notunterkünften und Heimen. Je weniger obdachlose Menschen in Parks und U-Bahn-Stationen schlafen müssen, umso besser. Berlin kann sich schmücken mit der niedrigen Zahl an Obdachlosen.

          Viele EU-Ausländer unter Obdachlosen

          Die Stadt wird sich aber auch auf Polemik einstellen müssen. Es ist ein plumpes Zahlenspiel. Addiert man die vielen Millionen, die im Jahr für die Obdachlosenhilfe ausgegeben werden, und teilt sie durch 1976 Obdachlose, kommt für jeden Einzelnen ein erkleckliches Sümmchen heraus. Betteln wäre dann nicht mehr nötig.

          Künftig wird sich Berlin also rechtfertigen müssen. Es sollte dabei nicht darum gehen, an den Ärmsten der Armen zu sparen, um von dem überschaubaren Erlös für die Mittelschicht in Prenzlauer Berg schöne Blumenrabatte zu pflanzen. Stattdessen sollte die Frage lauten, ob das viele Geld bei den Bedürftigen auch ankommt. Oder ob es ungenutzt in der Bürokratie versickert.

          Laut Breitenbach hat Berlin im Haushalt 8,9 Millionen Euro für die Obdachlosenhilfe eingeplant. Das sind rund 4500 Euro für jeden Obdachlosen, also eine überschaubare Summe. Jeder Hartz-IV-Empfänger erhält mehr. Aber die tatsächlichen Zuwendungen sind viel höher. Zuständig für den Löwenanteil sind nämlich die Berliner Bezirke, in deren Haushalten stehen viele weitere Millionen. Hinzu kommen private Initiativen. Noch lässt sich die Gesamtzahl pro Obdachlosem schwer messen. In Zukunft aber wird sie ein Argument in den Haushaltsverhandlungen sein.

          Andere werden sich ihre Polemik künftig sparen müssen. Oft heißt es, in Deutschland müsse niemand obdachlos sein. Es gebe doch Hartz IV. Bei der Zählung kam nun heraus, dass unter den Obdachlosen viele EU-Ausländer sind. Sie kamen im Rahmen der Freizügigkeit nach Deutschland, strauchelten und haben kein Anrecht auf staatliche Unterstützung. Wenn sie betteln, geht es tatsächlich ums Überleben. Sie haben keine Wahl. Sie brauchen den Euro.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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