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Obama in Berlin : Vom Präsidenten zum Wahlkampfhelfer

  • -Aktualisiert am

Vergnügte Runde: Angela Merkel und Barack Obama (Mitte), flankiert vom Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm und Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au Bild: Matthias Lüdecke

Bei seiner Diskussion mit Angela Merkel zeigt sich Barack Obama auf dem evangelischen Kirchentag in seiner neuen Rolle als „elder statesman“. Nebenbei tut er der Kanzlerin einen Gefallen.

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          Vor neun Jahren stand Barack Obama das erste Mal in Berlin auf einer Bühne, und sprach zu seinen Zuhörern. Nicht als Präsidentschaftskandidat, der er damals war, wollte er gesehen werden, sagte Obama, sondern als „ein Bürger, ein stolzer Bürger Amerikas und ein Bürger der Welt.“ Das war Teil eines höchst professionell inszenierten Wahlkampfs. Die Bilder des jungen Obama im Juni 2008, vor 200.000 Menschen mit der Siegessäule im Rücken, die Vision einer besseren Welt und sein „Yes, we can“, bejubelt von Sprachchören – das waren Bilder, wie sie keine PR-Kampagne hätte zaubern können.

          Am Donnerstag war Obama wieder in Berlin. Viel Zeit ist seitdem vergangen. Mit der Hauptstadt und ihrer Kanzlerin verbindet ihn inzwischen eine lange Beziehung, auch wenn er im Januar das Weiße Haus verlassen hat. Beim evangelischen Kirchentag sagte Obama, dass er wieder in erster Linie als „Bürger“ sprechen wolle, als Bürger Amerikas und der Welt. Und heute hätte man es ihm wohl wirklich glauben können. Denn tatsächlich zeigte sich der 44. Präsident der Vereinigten Staaten, wenig präsidial, protokolliert und offiziell. Er saß neben Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Bühne als ein Mensch, der über die Geschehnisse in der Welt nicht mehr bestimmen kann und stattdessen in Reflexion, ja auch Selbstreflexion, versunken zu sein scheint.

          Und doch: Die beiden Besuche trennen Welten. Obama ist vom frischen Präsidentschaftskandidaten zum "elder statesmen" geworden. Sein Haar ergraut, die Falten im Gesicht sind tiefer geworden. Die Rhetorik des 55 Jahre alten Demokraten ist nicht mehr von Aufbruchsstimmung geprägt. Obama sah sich während seiner Zeit als Präsident als Staffelläufer, sagt er heute, als jemand, der auf seinem Streckenabschnitt sein Bestes gegeben und das Holz nun weitergereicht hat — und zwar an Donald Trump, mit dem sich Merkel heute noch in Brüssel trifft.

          Der große Hieb gegen Trump, der in Amerika droht, Obamas Erbe, vor allem in Sachen der Gesundheits- und Einwanderungspolitik, zu zerstören, blieb aus — man hätte ihn von Obama auch nicht erwartet. Stattdessen betonte der ehemalige amerikanische Präsident nach einem „Guten Tag, it’s good to see all of you“ seine enge Beziehung zu „Angela“, die während seiner Amtszeit „eine meiner liebsten Partner war.“ Danach stieg er gleich ein in das Pathos der amerikanischen Rhetorik, sprach von Güte und Toleranz, Menschenrechten und Gemeinwohl. Auch die Religion thematisierte Obama immer wieder — und sprach davon, wie ihn sein christlicher Glaube einstweilig in ethische Dilemmata brachte, angesichts ziviler Opfer bei Drohnenangriffen des amerikanischen Militärs oder bei der Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen.

          Gerade letzteres Thema brachte auch Merkel in Zugzwang. Sie musste sich der Frage des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, stellen, warum die Politik keine Regelungen fände, den Flüchtlingen, für die sich besonders die Kirchen sehr engagieren würden, das Bleiberecht zu geben. Das gehöre zu den „sehr schwierigen“ Themen, erwiderte Merkel, und sprach von einem „Dilemma“. Gleichzeitig verteidigte sie die bisherige Abschiebepolitik der Bundesregierung, ganz in dem Wissen, dass „ich mich damit nicht beliebt mache“. „Wir müssen den Menschen helfen, die uns wirklich brauchen, und davon gibt es genug in der Welt.“ Applaus gab es daraufhin nur verhalten, auch Buhrufe waren zu hören. Stärker bejubelt wurde die vorausgegangene Frage von Bedford-Strohm, der gemeinsam mit Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au das Gespräch mit Obama und Merkel moderierte.

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