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OB-Stichwahl in Dortmund : Die SPD verteidigt ihre „Herzkammer“

SPD-Kandidat Thomas Westphal mit seiner Frau Janine Bild: dpa

Grüne und CDU hatten in Dortmund ein Bündnis gegen die seit 74 Jahren regierenden Sozialdemokraten gebildet. Trotzdem kann sich SPD-Kandidat Thomas Westphal bei den Oberbürgermeisterstichwahlen mit klarem Abstand auf seinen Herausforderer Andreas Hollstein durchsetzen.

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          Um kurz nach 18.30 Uhr ist Andreas Hollstein klar, dass er die Oberbürgermeister-Stichwahl in Dortmund nicht gewinnen kann. Seit einer halben Stunde schon verfolgt der CDU-Kandidat wortlos, wie nach und nach die Ergebnisse auf einer großen Leinwand im „Saal der Partnerstädte“ im ersten Stock des Dortmunder Rathauses präsentiert werden. Während sein Kontrahent Thomas Westphal von der SPD sich längst bei rund 52 Prozent stabilisiert, verharrt Hollsteins schwarzer Balken bei etwas mehr als 48 Prozent. Schon zehn Minuten später räumt Hollstein vor seinen Anhängern die Niederlage ein. „Wir haben verloren, ich hätte das Team aus CDU und Grünen gerne ans Ziel getragen. Es tut mir wenig leid für mich, es tut mir leid für die Stadt, sie hat die Chance auf eine neue Politikausrichtung nicht gewählt.“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nur wenige Meter weiter haben sich die Sozialdemokraten im „Saal Westfalen“ versammelt und scheinen ihr Glück noch nicht recht wahrhaben zu wollen. Schweigend starren die Genossen auf ihre Leinwand. Dortmund, die „Herzkammer“ der Sozialdemokratie, wird wie in den vergangenen 74 Jahren auch in den kommenden fünf Jahren von einem SPD-Mann regiert. Um 18.50 Uhr kommt CDU-Kandidat Hollstein herüber, um Westphal zu gratulieren, doch der ist noch gar nicht da. Also wendet sich Hollstein an die Genossen. Er hoffe, dass der Bürgermeister die Stadt zusammenführen und einen „Politikwechsel in Maßen möglich macht, den diese Stadt braucht“.

          Für die SPD ist der Sieg in Dortmund von überragender Bedeutung. Westphal selbst hatte den ganz großen Bogen geschlagen. Als SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz Ende August zum Auftakt der heißen Phase des nordrhein-westfälischen Kommunalwahlkampfs in die Stadt kam, beharrte Westphal darauf, dass Dortmund - wie einst von Herbert Wehner postuliert – noch immer die „Herzkammer“ sei, die Kraft in die deutsche Sozialdemokratie pumpen werde. „Wir in Dortmund machen das Tor, dann kann Olaf nächstes Jahr die Bundesliga gewinnen“, tönte Westphal.

          SPD fasst wieder Tritt im Ruhrgebiet

          Seit zwei Jahrzehnten zerbröselt die Herrschaft der SPD im Ruhrgebiet von Wahl zu Wahl immer mehr. Dortmund aber hielt einigermaßen stand, blieb Mythos. Bei der Ratswahl wurde die SPD vor zwei Wochen abermals stärkste Kraft – wenn auch nur noch mit mageren 30 Prozent. Hätte Westphal in Dortmund die Oberbürgermeisterwahl verloren, wären die Ausläufer des Bebens nicht nur in Düsseldorf, sondern auch in Berlin zu spüren gewesen. Denn ohne das Revier kann die SPD keine einigermaßen ordentlichen Wahlergebnisse erzielen, weder im Land noch im Bund. Nun ist es den führenden Genossen in Bund und Land möglich zu argumentieren, dass die SPD im Ruhrgebiet wieder Tritt gefasst habe. Denn neben der gewonnenen Oberbürgermeisterwahl in Dortmund können die Genossen nun darauf verweisen, dass sie am Sonntag Gelsenkirchen gehalten und Hamm hinzugewonnen haben. In Hamm konnte sich der SPD-Landtagsabgeordnete Marc Herter gegen den seit 1999 amtierenden Thomas Hunsteger-Petermann (CDU) durchsetzen. Verloren haben die Sozialdemokraten allerdings die Oberbürgermeisterwahl in Mülheim an der Ruhr und die Landratsstichwahl im bevölkerungsreichsten Landkreis in Deutschland, der bisher eine SPD-Hochburg war.

          Umso bedeutsamer ist aus sozialdemokratischer Perspektive der Sieg in Dortmund. Um 19.00 Uhr erscheint Wahlsieger Westphal im „Saal Westfalen“, um sich von seinen Genossen feiern zu lassen. „Wir haben immer gesagt, es geht um die Menschen in Dortmund, um die Zukunft dieser Stadt und nicht um Parteien und ihre Kalküle und Überlegungen, mit welchen Schachzügen sie was gewinnen können, das haben die Menschen schon lange satt.“ Westphal spielt auf das grün-schwarze Dortmunder Stichwahlbündnis an.

          Der 53 Jahre alte Sozialdemokrat Westphal, der seit 2013 als Wirtschaftsförderer der Stadt Dortmund tätig ist, hatte in Runde eins am 13. September 35,8 Prozent und damit exakt zehn Punkte mehr als Hollstein von der CDU erreicht. Die Grünen waren vor zwei Wochen in Dortmund zweitstärkste Ratskraft geworden, ihre Oberbürgermeisterkandidatin Daniela Schneckenburger erreichte mit 21,8 Prozent aber nur Platz drei und schied damit aus. Vergangene Woche gab eine Mitgliederversammlung der Grünen dann mit überraschend großer Mehrheit eine Stichwahlempfehlung zugunsten von Hollstein ab, der bisher Bürgermeister der rund 30 Kilometer von Dortmund entfernten Kleinstadt Altena ist. Zudem vereinbarten die beiden Parteien eine „Projekt-Partnerschaft“, um den nach 74 Jahren angestrebten Wechsel auch inhaltlich zu unterfüttern. „Wandel und Veränderung gehören zu einer modernen Großstadt. Sie sind gleichzeitig die Voraussetzung und das Ergebnis einer offenen und demokratischen Gesellschaft“, hieß es in einem gemeinsamen Papier.

          Doch anders als von den führenden Dortmunder Grünen angenommen, folgten ihre Parteianhänger der Wahlempfehlung nicht in ausreichendem Maß. Selbst in der Dortmunder Innenstadt, wo die Grünen bei der Ratswahl teilweise deutlich an erster Position lagen, entschied sich eine Mehrheit der Wähler nun für den sozialdemokratischen Oberbürgermeisterkandidaten. Zu groß scheinen bei vielen Grünen-Anhängern die Vorbehalte gegen einen Kandidaten von der CDU zu sein, selbst wenn er so liberal ist wie Hollstein.

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