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Nur 74 Prozent für Gabriel : Die Genossen haben ihn nicht geschont

  • -Aktualisiert am

Durchschnaufen nach der Wahl: Sigmar Gabriel, Andrea Nahles und Malu Dreyer Bild: dpa

Die SPD zeigt sich von ihrer erbarmungslosen Seite und beschert dem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel ein äußerst schlechtes Ergebnis. Der deutet es als Kampfauftrag.

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          Sigmar Gabriel verharrt an seinem Platz. Bewegungslos. Mehrere Sekunden lang. Die Delegierten applaudieren. Erst verhalten, dann kräftiger. Dann erheben sie sich von ihren Plätzen und klatschen, als wollten sie vergessen machen, was gerade passiert ist. 74 Prozent erhält Gabriel. Zehn Prozentpunkte weniger als vor zwei Jahren. Ein äußerst schlechtes Ergebnis. Gabriel erhebt sich nun endlich selbst von seinem Platz und geht die paar Schritte zum Rednerpult mit fest entschlossenem Blick. Wird er hinschmeißen? Alles ist nun denkbar.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          „Jetzt setzt euch erst mal hin“, sagt Gabriel. Man müsse nicht erst mit „Nein“ stimmen und dann aufstehen und klatschen. Heuchelei konnte der Mann noch nie ausstehen. Das Klatschen derer, die offenbar für Gabriel gestimmt haben, wird nun noch lauter. Gabriel setzt an: Wie so oft denkt er als Erstes an die Zeitungen des nächsten Tages. Die würden nun schreiben: Gabriel abgestraft – „ist ja auch so“. Man werde nun fragen, ob eine solche Partei Wahlen gewinnen könne.

          Dann aber wird klar, worüber er nachgedacht hat, als er so stoisch dasaß auf seinem Platz. Schwer angeschlagen, will er in die Offensive: Nun erkläre er dem Parteitag einmal, wie er das Ergebnis lese. Jetzt sei klar, welchen Weg die SPD gehe. 25 Prozent seien nicht mit seinem Kurs einverstanden, aber jetzt sei die Sache entschieden – und deshalb nehme er die Wahl auch an. Nun holt Gabriel aus: Er habe die Genossen nicht geschont – weder in der Rede noch in den vergangenen zwei Jahren in der Koalition, sagt er. Ja, er habe die Vermögensteuer aufgegeben, weil die SPD in drei Bundestagswahlen nacheinander damit auf die Nase gefallen sei. Ja, er sei für innere Sicherheit. Und ja, er sei auch dafür, die Flüchtlingszahlen zu reduzieren. Das alles sei einigen nicht links genug. Und dann wiederholt er: Jetzt sei mit Dreiviertelmehrheit entschieden, wo es langgehe. Gabriel geht zurück zu seinem Platz. Er schüttelt Hände, er wird umarmt. Niels Annen, der Versammlungsleiter, dankt dem Vorsitzenden dafür, dass er die Wahl angenommen habe.

          Frontalangriff der Juso-Vorsitzenden

          Die SPD ist wieder zurückgefallen in den Krisenmodus. Zurück in die Zeit, in der Parteitage Schlachtfeste waren. Zurück in die Zeit, in der sie ihre Führung beschädigte. Während sich Katarina Barley den Delegierten für ihre Wahl zur Generalsekretärin vorstellt, bilanzieren die Delegierten den Schaden, den sie gerade angerichtet haben.

          Rückenschläge nach dem Rückschlag: Gabriel erhält Trostgratulationen.
          Rückenschläge nach dem Rückschlag: Gabriel erhält Trostgratulationen. : Bild: Jens Gyarmaty

          Deutungen machen die Runde: War es die Aussprache? Nach seiner Rede gab Gabriel noch eine kleine Zugabe und erwiderte einen Frontalangriff der Juso-Vorsitzenden Johanna Uekermann, die ihrem Vorsitzenden zugerufen habe, er habe eine starke Rede gehalten, nur könne sie diejenigen verstehen, die bezweifelten, dass den Worten auch Taten folgten. Das sei so ziemlich das Schlimmste, was man einem Vorsitzenden vorwerfen könne, empörte sich Gabriel, der kürzlich einen Juso-Bundeskongress gemieden hatte, weil Uekermann ihm per Interview auf dem Zeugnis eine Vier minus erteilt hatte. Man möge den Vorwurf doch bitte belegen, sagte er nun und sprach den Konflikt über die Vorratsdatenspeicherung selbst an: Ohne den Koalitionskompromiss hätte man nach den Anschlägen von Paris eine ganz andere Debatte aufgezwungen bekommen. Diese hätte die SPD mit „schlappen Ohren“ führen müssen. Das Ergebnis wäre sicher nicht eine solch liberale Regelung gewesen, wie sie Heiko Maas ausgehandelt habe. Das war eine kleine Wiedergutmachung für den seinerzeit von Gabriel düpierten Justizminister.

          Es war nicht das erste Mal, dass Gabriel in einer Aussprache nach dem Geschmack der Delegierten überzogen hat. Am Freitag war der Schlagabtausch mit der Parteilinken nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Gabriel hielt tatsächlich eine Rede, die weitgehend ohne opportunistische Wendungen auskam.

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