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NSU-Urteil gegen Beate Zschäpe : Kerzengerade und ohne jede Regung

Die Angeklagte und ihre Verteidiger: Zschäpe und ihre Anwälte Borchert (l.) und Grasel (r.) am Mittwoch in München. Bild: dpa

Kein Zweifel an der Schuld: Ohne Beate Zschäpe wären die Morde des NSU nicht möglich gewesen – daran lässt das Gericht in seiner Urteilsbegründung keine Zweifel. Rückblick auf einen Mammutprozess.

          Er möchte gerne fortsetzen, ruft der Vorsitzende Richter, doch der Vater des ermordeten Halit Yozgat schreit weiter auf Arabisch: „Es gibt keinen Gott außer Gott! Es gibt keinen Gott außer Gott! Es gibt keinen Gott außer Gott!“.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Götzl verweist auf „Maßnahmen“, die er nicht ergreifen wolle, während auf den Plätzen der Nebenkläger die Mutter von Halit Yozgat verzweifelt versucht, ihren aufgebrachten Mann zu beruhigen. Dann herrscht wieder Stille. Und der Vorsitzende macht an der Stelle weiter, an der seine Urteilsverkündung durch die Schreie unterbrochen wurden: „Halit Yozgat verstarb noch am Tatort.“

          Zuvor hatte er geschildert, wie Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe den Mord in dem Internetcafé in Kassel am 6. April 2006 akribisch vorbereiteten. Wie sie Karten mit „Sternen“ für türkische Institutionen versahen, wie sie Adresslisten ausdruckten, Detailkarten von Kassel herunterluden und schließlich eine „detaillierte Skizze des Innenraums des Internetcafes“ anfertigten. Und dann folgt die Wendung, die in der gesamten Urteilsbegründung jedem einzelnen Mord, jedem einzelnen Anschlag und Raubüberfall vorangestellt wird: „im bewussten und gewollten Zusammenwirken mit Beate Zschäpe“.

          Federnden Schrittes in der Gerichtssaal

          In diesem „Zusammenwirken“ haben Böhnhardt und Mundlos zehn Menschen aus nächster Nähe in den Kopf geschossen, während Beate Zschäpe in der heimatlichen Wohnung ihre eigenen, gleichberechtigten Tatbeiträge leistete – so sieht es das Gericht. So hat also demnach auch Beate Zschäpe gemordet, geraubt und Sprengstoffanschläge verübt, auch wenn sie an keinem Tatort anwesend war. Das Gericht hat daher Beate Zschäpe am Mittwoch zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und die besondere Schwere der Schuld ausgesprochen.

          Beate Zschäpe folgt ihrem Urteil am Mittwoch kerzengerade, die Hände vor dem Körper gefaltet, ohne sichtbare Regung. Sie ist zuvor federnden Schrittes in den Saal gekommen, ganz in schwarz gekleidet und hatte an der Anklagebank Platz genommen, ihren Laptop platziert, sich dann zurückgelehnt, als sei dieser 438. Verhandlungstag einer von vielen und nicht der letzte Tag in diesem „Mammutprozess“, in dem sie die Hauptangeklagte ist und dessen Ausgang ihr Leben für die nächsten Jahrzehnte bestimmt.

          Neben ihr, deutlich angespannter, ihre „Vertrauensanwälte“, die mit starrem Blick darauf warten, dass endlich die Tür zum Richterzimmer aufgeht. In der „Bild“-Zeitung am Mittwoch hatte ihr Anwalt Hermann Borchert noch ausgeführt, dass seine Mandantin schon ihr Leben in Freiheit plane.

          Dazu wird es erst einmal nicht kommen, auch wenn sowohl ihr Verteidiger-Team der ersten Stunde und auch ihr Anwalt Mathias Grasel schon angekündigt haben, gegen das „falsche Urteil“ Revision einzulegen. Nur die Sicherungsverwahrung verhängte das Gericht nicht, es war der einzige Punkt, den Grasel als „richtige Entscheidung“ des Gerichts würdigte. Das Gericht hatte die Sicherungsverwahrung nicht verhängt, da es diese nach Verhängung einer lebenslangen Freiheitsstrafe nicht als „unerlässlich“ ansieht. Zudem verweist das Gericht auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, demnach wäre die Verhängung „nicht verhältnismäßig“ gewesen.

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