https://www.faz.net/-gpf-7yt18

NSU-Prozess : Das doppelte Leid der Bombenopfer von Köln

Ein Polizist sichert am 9. Juni 2004 in Köln die Spuren der Nagelbombenexplosion in der Keupstraße. Bild: dpa

Mit ihrem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße vor mehr als zehn Jahren zielte die rechtsextreme Terrorzelle NSU auf Ausländer. Im Münchner NSU-Prozess berichten die Opfer von ihrem Leidensweg. Besonders schmerzlich: Die Polizei verdächtigte manche von ihnen als Täter.

          2 Min.

          Er könne sich noch daran erinnern, dass ihm Leute Wasser über den Kopf geschüttet hätten, sagt Melih K. „Ich hatte ja lange Haare, die brannten.“ Er lag auf dem Boden, die Wucht der Explosion hat ihm die Beine weggezogen, sein Freund brüllte die ganze Zeit seinen Namen, aber er konnte es nicht hören.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Eine Stichflamme war in sein rechtes Ohr gedrungen und hatte das Trommelfell verbrannt. „Im Krankenwagen habe ich dann gesagt, dass ich große Schmerzen habe, dann haben sie mich ins künstliche Koma versetzt. Drei Tage später haben sie mich wieder aufwachen lassen. “

          Mehrmals ist Melih K. operiert worden, neun zehn Zentimeter lange Zimmermannsnägel mussten aus Beinen und Schulter entfernt, zerfetztes Gewebe weggeschnitten und Haut transplantiert werden.

          Dutzende kleinste „Fremdkörper“ wurden mit Nadeln aus seinem Gesicht, aus seinen Augen entfernt. Die Ärzte könnten, sagt Melih K. am Dienstag im NSU-Prozess, noch weitere Operationen im Gesicht vornehmen, um die Reste der Splitter zu entfernen. „Aber ich kann einfach nicht mehr.“

          Am Nachmittag des 9. Juni 2004 gingen Melih K. und sein Freund Sandro D. die Kölner Keupstrasse entlang. Sie hatten sich gerade in einem Imbiss etwas zu essen gekauft und wollten zurück zu ihrem Auto, als sie an einem Friseurladen vorbeikamen. „Haben Sie ein Fahrrad bemerkt?“, fragt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. Nein, an ein Fahrrad könnten sie sich nicht erinnern, sagen beide.

          „Wieso hätte uns auch ein Fahrrad auffallen sollen, es war doch alles so harmlos, es war schönes Wetter, wir unterhielten uns, dachten an nichts Böses“, sagt Melih K. Dann explodierte unmittelbar hinter ihnen eine Bombe, die laut Anklage von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auf einem Fahrrad montiert worden war.

          „Es war, als zöge mir jemand die Beine nach hinten weg. Ich bin mit dem Kopf auf dem Asphalt geknallt“, sagt Sandro D. Er könne sich noch daran erinnern, dass er immer an einen dunklen Punkt in seinem Bein greifen wollte, aber die Leute hätten ihm die Hände festgehalten.

          Polizei verdächtigte die Opfer

          Nägel hatten sich in seine Beine und Schulter gebohrt, am Arm und am Nacken erlitt er schwerste Verbrennungen, Risswunden in der Schulter und Schnittwunden im Gesicht, ein Trommelfell zerriss bei der Explosion. Als er auf der Straße lag, habe er sich die ganze Zeit gefragt, was mit seinem Freund passiert sei.

          Beide Zeugen berichten vor Gericht, dass sie im Krankenhaus zunächst nicht miteinander hätten kommunizieren dürfen. „Die Polizei hat uns zunächst verdächtigt, dass wir die Bombe plaziert hätten und sie zu früh zündete“, sagt Sandro D.

          Sowohl der heute 34 Jahre alte Sandro D. als auch der 31 Jahre alte Melih K. können ihre Berufe wegen der Verletzungen nicht mehr ausüben. Sandro D. arbeitete vor dem Attentat als Techniker am Flughafen. Heute ist er arbeitssuchend, Schmerzen in der Hand, im Knie und im Bein quälen ihn weiterhin. Melih K. hat, nachdem er anderthalb Jahr krankgeschrieben war, seine Ausbildung abbrechen müssen.

          Jahrelang habe er nicht gewusst, was er mit sich anfangen solle. Massive Schlafstörungen führten dazu, dass er tagsüber das Haus nicht mehr verlassen wollte. Er leidet nach wie vor unter Schmerzen in der Schulter und in den Beinen sowie der bleibenden Hörminderung. Seit einiger Zeit arbeitet er als Justizangestellter. Beide sind in psychotherapeutischer Behandlung.

          Ob sie der Polizei gegenüber einen Verdacht geäußert hatten, wer die Bombe gezündet haben könnte, fragt ein Nebenklägervertreter. Es habe zuerst geheißen, dass jemand den Friseurladen habe treffen wollen, sagt Melih K.

          „Das machte aber keinen Sinn, dann hätte er sich doch den Friseur direkt gegriffen.“ Auf der Straße, am hellichten Tag, sei so viel los gewesen, „Omas, Opas, kleine Kinder“. „Ich habe zur Polizei gesagt: Das muss ein Ausländerhasser sein.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Name sagt schon alles: Das Containerschiff „Kyoto Express“ der Reederei Hapag-Lloyd wird auf dem Container Terminal Altenwerder in Hamburg umgeschlagen.

          Wirtschaftspolitik : Gefahr für die Globalisierung

          Heute wirkt die Globalisierung erstmals seit Jahrzehnten ernsthaft bedroht. Gleichzeitig wird der wirtschaftliche Wandel zahlreiche ordentlich bezahlte Jobs kosten. Es wäre gut, wenn die Politik die Folgen nicht erst entdeckt, wenn es zu spät ist.

          Waldbrände in der Türkei : Erdogan kennt die Schuldigen

          Die Türkei, sagt Staatspräsident Erdogan, kämpfe gegen die schlimmsten Waldbrände ihrer Geschichte. Kritik an seiner Regierung weist er zurück – und greift an.
          Der Impfschutz kann nach einigen Monaten nachlassen.

          Auffrischungsimpfungen : So wollen die Länder den Corona-Booster zünden

          Weil unklar ist, wie lange sich Geimpfte vor Corona in Sicherheit wiegen können, gibt es bald die dritte Spritze. Impfteams schwärmen wieder aus, die Arztpraxen übernehmen den Rest – doch wie genau soll die dritte Impf-Welle anrollen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.