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NSU-Attentat in Köln : Ein Fest in tiefer Trauer

Nach zehn Jahren: Die Kölner haben zusammengefunden. Bild: dpa

Köln erinnert an den Nagelbombenanschlag des NSU vor zehn Jahren: mit einem dreitägigen Festival. Für die Leute in der Keupstraße, wo das Attentat geschah, könnte es eine kleine Wiedergutmachung sein.

          Sogar für das Gedenken musste Özcan Yildirim selbst Sorge tragen. „Gegen Hass und Gewalt. Im Gedenken des Anschlags mit einer Nagelbombe vom 9.6.2004“, heißt es auf einer unscheinbaren Aluminiumtafel, die Yildirim ins Schaufenster seines Salon „Kuaför Özcan“ gestellt hat. Sieben Jahre lang sahen sich Yildirim und die anderen türkischstämmigen Geschäftsleute in der Kölner Keupstraße dem Verdacht ausgesetzt, sie seien nicht ganz unschuldig an dem, was ihnen geschehen war.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der verheerende Anschlag, bei dem 22 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, sei womöglich ein Racheakt von Schutzgelderpressern, hieß es. Auch über einen Konflikt zwischen türkischen und kurdischen Geschäftsleuten wurde spekuliert oder über Mafia-Verstrickungen. Erst als Ende 2011 die bis dahin von der Polizei und den Verfassungsschutzbehörden unerkannt gebliebene Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) aufflog, bestätigte sich, was die Leute in der Keupstraße immer schon gesagt hatten: Der Anschlag war die Tat rechtsextremer Terroristen.

          Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) entschuldigte sich bei den Opfern des NSU-Terrors für die jahrelangen falschen Verdächtigungen. „Wir können nur um Vergebung bitten, so lange so unentschuldbar blind gewesen zu sein“, sagte Kraft dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom Freitag.

          70.000 Teilnehmer erwartet

          Direkt über seine Gedenktafel hat Yildirim vor ein paar Tagen ein Plakat des Aktionsbündnisses „Birlikte – Zusammenstehen“ in sein Schaufenster gehängt. Eigentlich wollte das Bündnis zum zehnten Jahrestag des Nagelbombenattentats nur eine kleine Veranstaltung auf die Beine stellen. Doch dann nahm die Sache Fahrt auf, weil immer mehr Leute in Köln das Gefühl hatten, es gebe da noch etwas gut zu machen. Also findet nun am langen Pfingstwochenende ein sehr kölsches Gedenken statt. Am Samstagabend beginnt das Festival „Birlikte“ mit einem vom Schauspiel Köln gemeinsam mit Anwohnern entwickelten Keupstraßen-Theaterstück.

          Am Sonntag wird es in Läden, Hinterhöfen und Bühnen in der Keupstraße rund 200 Stunden Programm geben: Lesungen, Diskussionen, Musik. Und am Montag, dem eigentlichen Jahrestag, will Bundespräsident Joachim Gauck nach einer Gedenkminute eine Ansprache halten. Zu der Großveranstaltung auf einem nahegelegenen Freigelände, bei der auch einige Rockgrößen aufspielen wollen, werden 70.000 Teilnehmer erwartet.

          Dass der Bundespräsident kommt, ist für die Leute in der Keupstraße ein wichtiges Zeichen. Vor zehn Jahren nämlich war kein ranghoher Politiker nach Köln gefahren. Das hing auch damit zusammen, dass sich die Ermittler aus bis heute nicht geklärten Gründen schon am 9. Juni 2004 entschieden, die verheerende Bombenexplosion nicht als terroristischen Akt zu bewerten. Gut eineinhalb Stunden nach der Detonation bat das Lagezentrum des nordrhein-westfälischen Innenministers das Landeskriminalamt, auf den zunächst verwendeten Begriff „terroristischer Anschlag“ zu verzichten.

          Am Ort der Explosion: Anwohnerin Fatma Akinci vor dem Friseursalon in der Kölner Keupstraße

          Und am folgenden Tag hieß es von der Kölner Sonderkommission „Sprengstoff“, man ermittle zwar in alle Richtungen, doch werde ein „allgemeindeliktischer Hintergrund“ in Erwägung gezogen. [...]

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