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NSU 2.0 : Deutsche Polizei, die Telefonauskunft für Drohbriefschreiber

Das Erste Polizeirevier in Frankfurt Bild: Daniel Vogl

Die Ermittler im Fall NSU 2.0 glauben, ein Mann aus Berlin habe sich geheime Daten erschlichen – indem er sich als Kollege ausgab. Geht das so einfach? Ja, sagen Polizisten in Hessen.

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          Mehr als zwei Jahre lang hat der selbst ernannte „NSU 2.0“ Drohbriefe verschickt, nun wurde der mutmaßliche Verfasser festgenommen. Wie genau es ihm gelang, an die vertraulichen Daten seiner Opfer zu kommen, ist noch nicht ganz klar, aber die Ermittler denken, es war so: Der Mann habe sich am Telefon einfach als Polizeikollege ausgegeben und sich so in verschiedenen Revieren die Daten seiner Opfer erschlichen.

          Livia Gerster
          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die hessischen Beamten, die in ihren Computern die Adressen und Namen zusammensuchten, bevor die Morddrohungen eingingen, wären dann einigermaßen fein raus. Sie wären zwar blöd reingefallen, aber keine Nazi-Komplizen. So scheint es auch der hessische Innenminister Peter Beuth zu sehen, der sagte, die hessische Polizei könne nun aufatmen.

          Nur: Wäre es wirklich eine beruhigende Nachricht, dass jeder x-beliebige Übeltäter sich von der Polizei dabei helfen lassen kann, Morddrohungen zu adressieren? 110, die Telefonauskunft für Neonazis?

          Was die Drohbriefe so unheimlich machte, war das Wissen über die Adressaten

          „Es würde mich sehr erschüttern, wenn das möglich wäre“, sagt Armin Bohnert, Polizist aus Baden-Württemberg und Vorsitzender der parteinahen „PolizeiGrün“. Bohnert kennt es aus seiner Dienststelle so, dass man am Telefon erst einmal gar nichts einfach so herausgibt. Da muss der Anrufer sich schon mit einem Kennwort ausweisen. Nur wenn man sich kenne, dann handhabe man das unkompliziert.

          Der ganze Fall bereitet ihm Kopfschmerzen. Entweder habe der Täter doch Verbindungen in die Polizei. Oder es gelang ihm, naive Polizisten zu täuschen. „Da können Sie sich aussuchen, was Sie schlimmer finden. Also, ich finde beides ziemlich schlimm.“

          Im Ersten Revier Frankfurt, im Dritten und Vierten Revier Wiesbaden wurden die Daten der Frauen abgefragt, die kurz darauf Morddrohungen vom „NSU 2.0“ erhielten. „Fotze, Heil Hitler, Türkensau“, mit diesen Vokabeln waren fast alle Schreiben gespickt, doch was sie so unheimlich machte, war das Wissen über die Adressaten. Nie öffentlich gemachte Namen von Kindern und Eltern, Geburtstage, Handynummern, E-Mail-Konten und sogar gesperrte Postadressen. Die Linkenvorsitzende und hessische Abgeordnete Janine Wissler bekam ein Jahr lang Post vom „NSU 2.0“, zuletzt vor zwei Monaten.

          Im Gegensatz zum hessischen Innenminister, sagt Wissler, könne sie „noch nicht aufatmen“. Natürlich freue es sie, dass der mutmaßliche Täter gefasst sei, aber sie hat weiterhin Fragen: „Wie kommt ein 53 Jahre alter erwerbsloser Berliner an persönliche Daten aus verschiedenen Polizeirevieren in drei Bundesländern? Man ruft doch nicht einfach bei einer Polizeidienststelle an und sagt: Ich bin ein Kollege, gebt mir mal Daten raus. Und dann ist eine Polizistin, die die Daten abgefragt hat, auch noch zufällig in einer rechten Chatgruppe aktiv? Das ist doch arg skurril.“

          Wir fragen bei Polizisten in Hessen nach, die müssen es schließlich wissen: Kann es wirklich sein, dass man sensible Daten ohne Kennwort oder Gegenkon­trolle rausrückt?

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