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NS-Verbrechen : Früherer KZ-Wachmann muss mit 100 Jahren vor Gericht

  • Aktualisiert am

Das Eingangstor mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen Bild: dpa

Zehntausende Menschen wurden im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet. Im Oktober muss sich nun ein 100 Jahre alter früherer Wachmann wegen der Taten vor Gericht verantworten.

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          3518 – das ist die Zahl der Mordfälle, für die sich ein ehemaliger KZ-Wachmann ab dem 7. Oktober vor dem Landgericht Neuruppin wegen seiner Beteiligung verantworten muss. Der inzwischen hundert Jahre alte Angeklagte soll zwischen 1942 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen nahe Berlin wissentlich und willentlich Hilfe zur grausamen Ermordung von Lagerinsassen geleistet haben, heißt es in der Anklage. Es gehe um Beihilfe zum Mord in 3518 Fällen.

          Das Gericht hat 22 Verhandlungstage bis in den Januar hinein terminiert. Der Mann ist nur eingeschränkt verhandlungsfähig, wie ein Gutachten festlegte. Daher könne er jeweils nur wenige Stunden an der Verhandlung teilnehmen. „Deswegen wurden so viele Verhandlungstage festgesetzt“, sagte eine Gerichtssprecherin.

          Im KZ Sachsenhausen waren zwischen 1936 und 1945 nach Angaben der dortigen Gedenkstätte mehr als 200.000 Menschen interniert. Zehntausende Häftlinge kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und Misshandlungen um oder wurden Opfer systematischer Vernichtungsaktionen.

          Die deutsche Justiz hatte erst in den letzten Jahren nach den Urteilen gegen mehrere frühere Auschwitz-Wachmänner angefangen, auch die Wachmannschaften von Konzentrationslagern wie Sachsenhausen oder Stutthof in den Blick zu nehmen, die nicht als Vernichtungslager galten. Früher hatte die Rechtspraxis vorgeherrscht, dass nur diejenigen Täter verfolgt werden, denen eigene, konkrete Gewalttaten nachgewiesen werden konnten.

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          Erst mit dem Urteil gegen den als „Buchhalter“ von Auschwitz bekannt gewordenen Oskar Gröning im Jahr 2015 setzte sich zumindest mit Blick auf Vernichtungslager wie Auschwitz die Rechtsprechung durch, dass jeder wissentliche Beitrag zum Funktionieren des Lagergeschehens eine Beihilfe zu den fortlaufenden Tötungen im  Lager war. Der konkrete Beitrag zu einzelnen Tötungshandlungen musste so nicht mehr nachgewiesen werden. Im vergangen Jahr wurde diese Sichtweise erstmals in einem Urteil auf das Konzentrationslager Stutthof angewandt.

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