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NS-Vergangenheit des BKA : Nach dem Vorbild des Reichskriminalamtes

Trotzte den hitzigen Diskussionen: BKA-Präsident Jörg Ziercke Bild: AP

Nach über 50 Jahren stellt sich das BKA seiner NS-Vergangenheit. Die Selbstauskünfte kommen, so sagte Ziercke letztens, „spät, aber nicht zu spät“. Man kann das anders sehen. Eine Analyse von Peter Carstens.

          Nur einmal hat die Vergangenheit Theo Saevecke beinahe eingeholt. Aber da war er längst im Ruhestand und lebte unbehelligt in Rothenfeld bei Osnabrück. Damals, 1998, verurteilte ein Gericht in Turin den früheren SS-Hauptsturmführer und „Henker von Mailand“ in Abwesenheit zu lebenslanger Haft für die hundertfache Hinrichtung von Zivilisten. Der damals achtundachtzig Jahre alte Pensionär wurde nicht nach Italien ausgeliefert.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Was Saevecke im Dritten Reich gewesen war, nämlich ein mörderischer Polizeichef und Vollstrecker des SS-Staates, wurde auf diese Weise immerhin bekannt. Doch verschwiegen blieb, dass Saevecke und mit ihm Dutzende andere SS-Führer jahrzehntelang im Bundeskriminalamt (BKA) in oftmals den gleichen Funktionen gedient hatten wie zuvor bei der Kripo im Reichssicherheitshauptamt, bei der Geheimen Feldpolizei, in Dienststellen der SS.

          „Welchen Schaden hat das BKA damals genommen?“

          Sechsundfünfzig Jahre hat es gedauert, bis das Bundeskriminalamt sich seiner Vergangenheit stellt und mit einer Reihe von Veranstaltungen öffentlich macht, was bislang nur von einer kleinen Fachöffentlichkeit erörtert wurde. Der Präsident des BKA, Ziercke, hat das initiiert und selbst nach „geradezu hitzigen Diskussionen, auch unter Mitarbeitern des Hauses“, an dem Vorhaben festgehalten: Unter dem Titel „Die Historie des BKA: Verbindungslinien zum NS-Regime“ wird nun erstmals offen und öffentlich über die Entstehungsgeschichte des BKA gesprochen. „Welche Rolle spielten Angehörige von NS-Organisationen im Bundeskriminalamt zwischen 1951 und den siebziger Jahren, und welchen Schaden hat das BKA durch diese Leute genommen?“, fragte Ziercke jetzt auf ein Tagung in Wiesbaden.

          Denn das Amt übernahm, wie der Polizei-Historiker Dieter Schenck berichtete, von 1951 an viele Abteilungs- und Referatsleiter aus dem Reichssicherheitshauptamt in den Dienst, wo sie die alltägliche Arbeit, aber auch die Einstellungen jüngerer Polizisten bis in die siebziger Jahre hinein prägten. Eingestellt wurden beispielsweise: Otto Martin vom Kriminalbiologischen Institut, der Chef der Urkunden-Abteilung, Mally, der Leiter der Technik-Abteilung der Reichskriminalpolizei, Becker, der Chef der Personenfeststellungszentrale, Drescher. Der Mann, der für den nationalsozialistischen Terrorapparat die Fahndung organisierte, war SS-Sturmbannführer Kurt Amend.

          „Er dürfte Hunderttausende auf dem Gewissen haben“

          Für die Gruppe V C im Reichssicherheitshauptamt jagte Amend normale Kriminelle, aber auch Deserteure, versteckte Juden und sogenannte Asoziale, vermutlich auch Mitwisser des Anschlags auf Hitler vom 20. Juli 1944 und lieferte sie dem Henker aus. Der Einschätzung von Dieter Schenk folgend, „dürfte er Hunderttausende auf dem Gewissen haben“. Gleichwohl: Zehn Jahre später findet man Amend beim Bundeskriminalamt wieder als Chef-Fahnder des Hauses. 1964 wurde er pensioniert, ohne jemals von der Justiz behelligt gewesen zu sein.

          Ein Kollege von ihm, Bernhard Niggemeyer, gründete im BKA das „Kriminalistische Institut“ und wurde in den fünfziger und sechziger Jahren der Fachöffentlichkeit als Organisator der BKA-Herbsttagungen bekannt. Was er früher getan hatte, kam niemals zur Sprache: Niggemeyer gehörte wie viele andere BKA-Führungspersonen zu den Absolventen eines Kommissarlehrgangs an der „SS-Führungsschule - Schule der Sicherheitspolizei“ in Berlin-Charlottenburg.

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