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NS-Kriegsverbrecherprozess : Demjanjuk zu fünf Jahren Haft verurteilt

Bild: reuters

Das Landgericht München hat den früheren KZ-Wachmann John Demjanjuk zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt. Er soll sich am Massenmord an mindestens 28.060 Menschen beteiligt haben. Zunächst hob das Gericht den Haftbefehl auf.

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          John Demjanjuk ist am Donnerstag vom Münchner Landgericht II der Beihilfe zum Mord an mindestens 28.000 Menschen in 16 Fällen schuldig gesprochen worden. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Gleichzeitig hob der Vorsitzende Richter Ralph Alt den Haftbefehl auf, da nicht zu erwarten sei, dass Demjanjuk als Staatenloser das Land verlassen werde, bis er zum Haftantritt aufgefordert werde. „Der Angeklagte ist somit freizulassen.“

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Demjanjuk im Vernichtungslager Sobibor „wie alle anderen Wachmänner an allen wesentlichen Stationen des Vernichtnungsprozesses beiteiligt“ gewesen sei, sagte der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung. Er habe über mehre Monate im Jahr 1943 dabei geholfen, die dort hintransportierten Menschen in die Gaskammern zu treiben. Die Verteidigung Demjanjuks kündigte an, Revision einzulegen.

          Das Urteil sei „keine Überraschung gewesen.“ In seiner Beweiswürdigung relativierte das Gericht die Konzentration auf den Dienstausweis samt Foto. Dieser Ausweis Nr. 1393 trägt die Unterschrift „Demjanjuk“. Vermerkt ist auch ein Hinweis, dass der Ausweisträger am 27. März 1943 nach Sobibor abkommandiert wurde. Die These der Fälschung sei nicht haltbar, sagte Alt. „Sämtliche Urkundenuntersuchungen hätten keinen objektiven Beweis dafür erbracht, dass er nicht im SS-Lager Trawniki 1943 ausgestellt wurde.“

          Der 91 Jahre alte John Demjanjuk bei seiner Ankunft am Gericht am 12. Mai 2011

          Kein Beweis, dass der Ausweis nicht Demjanjuk zeige

          Ebenso gebe es keinen objektiven Beweis, dass das Foto auf dem Ausweis nicht vom Angeklagten stamme. Doch für das Urteil sei nicht nur der Ausweis, sondern vielmehr ein Zusammenspiel von hunderten Puzzleteilen ausschlaggebend gewesen: Die Aussagen von ehemaligen Trawniki, die glaubhaft seien, da man ihre Angaben gut mit anderen Dokumenten habe vergleichen können.

          Auch Übergabe- und Versetzungslisten, Lazarettaufenthalte und behördliche Unterlagen hätten in ihrer Gesamtheit ein stimmiges Bild ergeben. Wenn einzelne Details nicht übereinstimmten, würden dadurch nicht die gesamten Aussagen von Zeitzeugen unglaubhaft.

          Demjanjuks Lebenslauf bis zur Verurteilung in München

          3. April 1920: Der Bauernsohn Iwan Demjanjuk wird im ukrainischen Dorf Dubowi Macharynzi geboren.

          Mai 1942: Der Rotarmist Demjanjuk wird nach der Schlacht von Kertsch von der Wehrmacht gefangen genommen. Anschließend wird er im SS-Ausbildungslager Trawniki als Helfer ausgebildet.

          27. März 1943: Demjanjuk wird als Wachmann ins Vernichtungslager Sobibór abkommandiert.

          16. September 1943: Demjanjuk wird ins KZ Flossenbürg versetzt.

          Sommer 1945: Demjanjuk meldet sich in einem Auffanglager in Feldafing bei München.

          Februar 1952: Demjanjuk kommt als Auswanderer per Schiff von Bremerhaven in New York an und findet Arbeit bei den Ford-Werken in Cleveland. 1958 wird er amerikanischer Staatsbürger, heißt nun John Demjanjuk.

          Mai 1976: Amerikanische Behörden ermitteln. Holocaust-Überlebende meinen, in Demjanjuk einen Wachmann aus Treblinka wiederzuerkennen. Demjanjuk verliert die amerikanische Staatsbürgerschaft.

          Februar 1986: Demjanjuk wird nach Israel ausgeliefert.

          April 1988: Demjanjuk wird wegen Mordes zum Tode verurteilt.

          Juli 1993: Nach der Öffnung sowjetischer Archive stellt sich heraus, dass ein anderer „Iwan der Schreckliche“ in Treblinka war. Das Todesurteil wird aufgehoben, Demjanjuk zurück in die Vereinigten Staaten geschickt.

          2002: Die Vereinigten Staaten verdächtigen Demjanjuk, Wachmann in Sobibór gewesen zu sein. In einem jahrelangen Verfahren wird ihm die Staatsbürgerschaft erneut entzogen.

          12. Mai 2009: Demjanjuk wird nach München abgeschoben und ins Untersuchungsgefängnis Stadelheim gebracht.

          13. Juli 2009: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen.

          30. November 2009: Der Prozess beginnt. Es werden 41 Verhandlungstage bis zum 6. Mai 2010 angesetzt.

          2009 bis 2011: Der Prozessverlauf verzögert sich mehrfach. Zu den Gründen zählen Demjanjuks schlechte Gesundheit und eine Fülle von Beweisanträgen durch die Verteidigung.

          22. März 2011: Die Plädoyers beginnen. Die Staatsanwaltschaft fordert sechs Jahre. Nebenkläger fordern höhere Strafen.

          11. Mai 2011: Nach einem fünftägigen Plädoyer fordert die Verteidigung Freispruch.

          12. Mai 2011: Das Landgericht München II verurteilt Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 28.060 Menschen zu fünf Jahren Haft.

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