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NRW-Wahl : „Telefonieren ist Genossenpflicht“

Klarer Kurs? Etwa dreißig Prozent der Wähler sind noch unentschieden Bild: dpa/dpaweb

Wenige Tage vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen versuchen SPD und CDU, weitere Wähler zu gewinnen: Telefonkampagnen und E-Mails sollen vermeintliche Stammwähler und unentschiedene Wechselwähler mobilisieren.

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          Vielleicht bekommt Hannelore Weiland bis Freitag noch einen Anruf von einem nordrhein-westfälischen SPD-Mitglied.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Sie wohnt im lippischen Lemgo im Wahlkreis 98, Stimmbezirk 001.1. „Denken Sie daran, daß am 22. Mai ein neuer Landtag gewählt wird“, könnte dann ein SPD-Genosse aus dem Unterbezirk sagen.

          Bis Sonntag Stammwähler mobilisieren

          Vielleicht wird Frau Weiland an ihrer Haustür auch nur ein rotes Klebe-Zettelchen mit der Aufschrift „Klarer Kurs. Peer Steinbrück und die SPD wählen“ vorfinden. „Wenn da jemand anruft, würde ich so schnell wie möglich auflegen“, sagt die pensionierte Lehrerin, denn sie habe sich schon entschieden und man bekomme ohnehin genug Anrufe.

          Wie auch immer: Beide Volksparteien in Nordrhein-Westfalen, vor allem aber die SPD, müssen bis Sonntag vermeintliche Stammwähler, die politikmüde oder unentschlossen sind, mobilisieren. Etwa dreißig Prozent der Wähler sind noch unentschieden. In Nordrhein-Westfalen versucht die SPD mit einer gezielten Telefonkampagne verunsicherte Stammwähler oder unentschiedene Wechselwähler noch zur Beteiligung zu bewegen.

          Berechnung des „Swing-Indexes“

          Die „Kampa 02“ hat dieses Verfahren im Bundestagswahlkampf intensiv eingesetzt, der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig war ein Anhänger dieser Methode. Grundlage des Verfahrens ist die Berechnung des sogenannten „Swing-Indexes“ für einzelne Stimmbezirke: Meist vergleichen die Mitarbeiter der Abgeordneten die Wahlergebnisse der vergangenen zehn Jahre.

          Überall dort, wo SPD und CDU in den Wahlen unterschiedlich abschnitten, mal 32 Prozent, dann vielleicht wieder 45 Prozent erhielten, lohnt sich der Wahlkampf. Die Stimmbezirke, in denen der politische Gegner konstant gute Ergebnisse erreicht, werden von den Telefon-Aktionen ausgespart, um nicht die falschen Gegner zu mobilisieren.

          Adressen von handelsüblichen Telefon-CDs

          Das Telefonieren und die Interpretation der Wahlergebnisse überläßt die SPD nicht Politik-Beratungsfirmen oder professionellen Call Centern: Mitglieder sprechen die Sprache möglicher sozialdemokratischer Wähler und kennen vielleicht sogar die eine oder andere Familie im Stimmbezirk. Die Adressen stammen von handelsüblichen Telefon-CDs.

          „Selbstverständlich benutzen wir niemals Räume oder Telefonanlagen, die dem öffentlichen Dienst gehören. Es sei denn, wir haben sie gegen angemessene Bezahlung gemietet“, heißt es in einer Handlungsanleitung zum Bundestagswahlkampf 2002 mit dem Titel „Telefonieren ist Genossenpflicht“.

          Traditioneller Jazz-Frühschoppen

          Die CDU in Nordrhein-Westfalen verzichtet aus finanziellen Gründen auf Telefon-Aktionen und verschickt stattdessen E-Mails. Allerdings haben Orts- und Kreisvorsitzende eine Anweisung bekommen, Telefon-Aktionen im kleinen Rahmen zu machen. Der Erfolg solcher Aktionen hängt stark vom Engagement der Abgeordneten ab.

          Nicht jeder Landtags- oder Bundestagsabgeordnete kann sich mit den modernen Wahlkampfmethoden anfreunden, einige vertrauen immer noch eher auf einen traditionellen Jazz-Frühschoppen.

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