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Nach Corona-Ausbruch in NRW : Lockdown auch im Kreis Warendorf

  • Aktualisiert am

Karl-Josef Laumann (CDU), Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, spricht am Dienstag während einer Pressekonferenz in Düsseldorf. Bild: dpa

Zurück auf März: Um den größten Corona-Ausbruch in Deutschland einzuhegen, hat die Regierung von NRW beispiellose Maßnahmen ergriffen. Das Urlaubsland Schleswig-Holstein reagiert mit einer Quarantänepflicht.

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          Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies verhängen die Behörden einen Lockdown auch für den Nachbarkreis Warendorf. Es gebe Kontaktbeschränkungen, Sport in geschlossenen Räumen und zahlreiche Kulturveranstaltungen würden verboten, sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Dienstag. Ab Donnerstag würden zudem Schulen und Kitas im Kreisgebiet geschlossen. Das Bundesland Schleswig-Holstein verhängte außerdem eine Quarantänepflicht für Reisende aus den nordrhein-westfälischen Corona-Hotspots. Sie müssen sich nach der Einreise in ihre Wohnung oder in eine andere geeignete Unterkunft begeben, um sich 14 Tage lang zu isolieren, teilte die Landesregierung mit.

          Wegen des Corona-Ausbruchs in einem Schlachthof der Tönnies-Gruppe hatte das Land Nordrhein-Westfalen zuvor bereits einen Lockdown für den Kreis Gütersloh verkündet. Erstmals seit den Corona-Lockerungen werde in Deutschland ein ganzer Kreis zurückgeführt „auf die Maßnahmen, die vor wenigen Wochen gegolten haben“, sagte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Dienstag in Düsseldorf. Die Maßnahmen gelten zunächst bis Ende Juni, können aber auch verlängert werden. Zweck solle sein, „die Situation zu beruhigen“ und die „Testungen auszuweiten“. Bis Monatsende werde es mehr Klarheit darüber geben, inwieweit sich auch Menschen, die nicht bei Tönnies arbeiten, mit dem Virus infiziert hätten, sagte Laschet.

          Unter den Bedingungen des Lockdowns dürfen sich nun wieder nur maximal zwei Personen treffen oder Angehörige des gleichen Hausstands. Ab diesem Mittwoch sollen im Kreis unter anderem wieder Sport in geschlossenen Räumen und viele Kulturveranstaltungen verboten werden. Fitnessstudios werden ebenso geschlossen wie Kinos und Bars. Gaststätten dürften nur unter verschärften Auflagen öffnen.

          Kostenlose Corona-Tests für alle

          Es handele sich bei dem Ausbruch in dem Fleischbetrieb in Rheda-Wiedenbrück um das bisher größte einzelne Infektionsgeschehen in Deutschland, sagte Laschet. Eine „besondere Lage“ ergebe sich durch die Streuung der Orte und die Internationalität der Belegschaft. 1553 Mitarbeiter des Schlachthofs seien mittlerweile positiv auf das Virus getestet worden. Weitere Fälle könne es in deren familiären Umfeld geben. Deshalb sei die Zahl der Infizierten wohl höher. Zugleich gebe es im Kreis aber nur 24 bestätigte Corona-Infektionen bei Menschen, die nicht bei Tönnies arbeiten, sagte Laschet. Trotzdem habe sich die Landesregierung zum Lockdown entschlossen, um das Infektionsrisiko zu minimieren. „Das, was wir hier machen, hat es in Deutschland noch nicht gegeben“, betonte Laschet.

          Alle Bürger könnten sich nun kostenlos testen lassen, um Gewissheit über ihre persönliche Situation zu erhalten, sagte Laschet. „Wir werden eine repräsentative Testung der Bevölkerung vornehmen, um ein reales Lagebild zu bekommen.“

          Urlaub bleibt erlaubt

          Der Ministerpräsident stellte klar, dass die Maßnahmen nur für den Kreis Gütersloh gälten. Es gebe jedoch keine Ausreisesperre. „Wir haben keine Ausreiseverbote erteilt“, sagte Laschet. Er appellierte aber an die Einwohner, „jetzt nicht aus dem Kreis heraus in andere Kreise zu fahren“. Am 29. Juni beginnen in Nordrhein-Westfalen die Sommerferien, viele haben bereits Urlaub gebucht.

          Das Zentrum des Corona-Ausbruchs bei Tönnies konnte nach Laschets Angaben in der Fleischzerteilung lokalisiert werden. In dieser Abteilung gebe es die meisten Infizierten. Womöglich haben besondere Bedingungen wie die Kühlung zur Verbreitung des Virus beigetragen. Dem Unternehmen warf Laschet mangelnde Kooperationsbereitschaft vor. Deshalb hätten die Behörden die Herausgabe von Daten der Werkarbeiter von Tönnies schließlich durchgesetzt. „Da wurde nicht mehr kooperiert, da wurde verfügt“, so Laschet.

          Warum es gerade in der Fleischindustrie so viele Corona-Infizierte gibt, kann auch das Robert-Koch-Institut derzeit nicht erklären. Dessen Präsident Lothar Wieler sagte am Dienstag in Berlin, in den engen Wohnungen der Arbeiter habe es das Virus einfacher. Die niedrigen Temperaturen im Schlachthof, um das Fleisch zu kühlen, könnten bei der Übertragung des Virus ebenso eine Rolle spielen wie Aerosole, die durch Atemluft übertragen werden.

          Aus der Belegschaft des Schlachthofes in Rheda-Wiedenbrück und ihrem Umfeld wurden bereits 7000 Menschen ohne positives Ergebnis unter Quarantäne gestellt. Die Einhaltung der Quarantäne-Maßnahmen gestaltet sich aber schwierig. Laschet kündigte an, diese Quarantäne auch mit Polizeiunterstützung durchzusetzen. Das Land habe drei Einsatzhundertschaften in den Kreis Gütersloh beordert. Die Polizei werde die mobilen Teams des Gesundheitsamtes „auch in schwierigen Situationen begleiten“, so Laschet, und zur Not Zwang anwenden. Mittlerweile gebe es hundert mobile Teams, die von Dolmetschern für Polnisch, Rumänisch und Bulgarisch begleitet werden.

          Vor knapp einer Woche waren im Kreis Gütersloh, der 370.000 Einwohner hat, bereits die Schulen und Kitas für 50.000 Kinder geschlossen worden. Der Kreis Gütersloh hatte am Wochenende alle Beschäftigten und das Management der Tönnies-Großschlachterei per Verordnung unter Quarantäne gestellt. Sie dauert bis zum 2. Juli. Die Fleischproduktion wurde vorübergehend gestoppt.

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