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Syrer stirbt bei Zellenbrand : „Das geht mir unter die Haut“

  • -Aktualisiert am

Der Tod des Asylbewerbers in der Justizvollzugsanstalt Kleve wird wohl nie ganz aufgeklärt werden können. Bild: dpa

NRW-Justizminister Biesenbach stellt einen weiteren Sachstandsbericht zum Feuertod des unschuldig inhaftierten Asylbewerbers Amed A. vor. Einem externen Gutachter nach legte der Syrer das Feuer in seiner Zelle selbst – in suizidaler Absicht.

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          Dem nordrhein-westfälischen Justizminister Peter Biesenbach (CDU) ist anzumerken, wie sehr ihn der Fall von Amed A. mitnimmt. Der junge Syrer war im Juli in Geldern am Niederrhein von Polizeibeamten mit einem per Haftbefehl gesuchten Mann aus Mali verwechselt und ins Gefängnis gebracht worden. Mehr als zwei Monate lang saß der 26 Jahre alte Syrer zunächst in Geldern und dann in der Justizvollzugsanstalt Kleve. Am 29. September starb Amed A. an den Folgen eines Brandes, der am Abend des 17. September in seiner Zelle ausgebrochen war. Für Polizei und Justiz sei die Verwechslung eines Unschuldigen „der Super-Gau“, sagt Biesenbach. Als er von seinem Gespräch mit den Eltern des Toten berichtet, kämpft der Justizminister mit den Tränen. Das Geschehene gehe ihm „unter die Haut“. Sein Anspruch sei, den Fall umfassend aufzuklären.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Am Montag legt der Minister deshalb einen weiteren Bericht in dem verstörenden Fall vor. Die wichtigste neue Erkenntnis findet sich auf Seite 25 des insgesamt 63 Seiten umfassenden Dokuments. Demnach kam ein zwischenzeitlich hinzugezogener externer Brandsachverständiger zu dem Ergebnis, dass Amed A., der sich allein in der Zelle befand, das Feuer selbst gelegt hat. Die Feststellungen des Gutachters deuten auf „eine vorsätzliche Brandstiftung durch den syrischen Staatsangehörigen – vermutlich in suizidaler Absicht – hin“, heißt es in dem Bericht. „Andere Verursachungsmöglichkeiten waren für den Sachverständigen nicht zu erkennen“. Schon Mitte September waren zwei Brandermittler der Kreispolizeibehörde zum selben Ergebnis gekommen. „Die Idee wir könnten in dem Fall etwas vertuschen, ist absurd“, sagt Justizminister Biesenbach. Auch für eine nach dem Fall verbreitete Mordtheorie ließen die Ergebnisse der Ermittler „keinerlei Raum“.

          Machte der Syrer auf sich aufmerksam?

          Aus dem neuen Bericht geht hervor, dass das Feuer in der Zelle am Abend des 17. September schon 15 Minuten lang gelodert hat, bevor Amed A. um 19.19 Uhr für die Dauer von neun Sekunden die Gegensprechanlage aktivierte. Unklar bleibt allerdings noch immer, ob A. dabei auch um Hilfe rief oder auf andere Weise auf seine akute Notlage aufmerksam machte. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler teilte ihm der diensthabende Justizbeamte am anderen Ende der Leitung mit, dass er sich zunächst noch um einen anderen Gefangenen zu kümmern habe und sich später melden werde. Ein solcher Kommunikationsablauf sei in einer Justizvollzugsanstalt nicht ungewöhnlich; es gebe eine Richtlinie, wonach die Vollzugsmitarbeiter die Anliegen von Gefangenen nacheinander abzuarbeiten hätten, sagt Jakob Klaas, Abteilungsleiter Strafvollzug im nordrhein-westfälischen Justizministerium.

          Nach derzeitigem Ermittlungsstand hat sich A. dann, wie es im Bericht heißt, „nicht weiter bemerkbar gemacht“, also die Gegensprechanlage nicht ein zweites Mal aktiviert. Weitere Vernehmungen sollen nun ergeben, ob der Gefangene überhaupt angehört oder einfach „weggedrückt“ wurde. Fest steht, dass um 19.23 Uhr aus der JVA Kleve ein Notruf bei der Feuerwehr abgesetzt wurde. Wenig später öffneten Justizbedienstete die Zelle, aus der ihnen der schwer verletzte A. entgegengetaumelt kam. Während sich ein Teil der Beamten um die Erstversorgung des Gefangenen kümmerte, löschten andere den Brand. Acht Bedienstete erlitten Rauchgasvergiftungen, vier von ihnen mussten zwischenzeitlich auf der Intensivstation behandelt werden.

          Polizisten hätten Fehler bemerken müssen

          Gegen den 26 Jahre alten Mann war in der Vergangenheit unter anderem wegen Erschleichens von Leistungen ermittelt worden. Am 6. Juli soll A. dann an einer Kiesgrube in Geldern vier junge Frauen sexuell beleidigt haben. Da er keine Papiere bei sich hatte, nahmen ihn die herbeigerufenen Polizisten zur Identitätsfeststellung mit auf die Wache. Dort fand dann die folgenschwere Verwechslung mit einem gleichaltrigen per Haftbefehl gesuchten Malier statt, der den Namen Amed A. in der Vergangenheit als Alias-Identität benutzt hatte. Nach bisherigen Erkenntnissen glichen die Polizisten am 6. Juli die Daten nicht ordentlich ab. Dabei hätten sie spätestens beim Blick auf das Lichtbild des per Haftbefehl gesuchten Maliers stutzig werden müssen. „Das diesbezügliche Lichtbild zeigt eine dunkelhäutige Person, deren Aussehen signifikant nicht dem des festgenommenen syrischen Staatsangehörigen entspricht“, heißt es in dem am Montag vorgelegten Bericht. Gegen die beteiligten Polizisten ermittelt die Staatsanwaltshaft Kleve wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung.

          Justizminister Biesenbach sagt am Montag, vermutlich werde der Fall nie restlos aufgeklärt werden können. Zu einer möglichen psychischen Erkrankung und Suizidgefährdung des Syrers gebe es in den Vollzugsakten widersprüchliche ärztliche Befunde. Ihn treibe auch die Frage um, weshalb sich Amed A. nicht stärker gegen seine rechtswidrige Inhaftierung zur Wehr gesetzt habe und warum er nie nach seinem Anwalt verlangt habe, sagt der Minister. Möglicherweise hänge das damit zusammen, dass ihm mehrere Frauen sexuelle Belästigung und Nachstellungen vorgeworfen hatten und er mit einer Bestrafung gerechnet habe. Neben dem Vorfall an der Kiesgrube in Geldern soll A. Anfang Juni auch einer Angestellten einer Spielhalle nachgestellt haben. Mehrfach habe er versucht, die Frau zu ergreifen „und – bei einem Vorfall – auch zu küssen“, wie es im neuesten Sachstandsbericht heißt. Anhand von Aufzeichnungen aus einer Überwachungskamera konnte A. mittlerweile als Täter identifiziert werden. „Aufgrund seines Todes konnte eine Vernehmung zu den Vorwürfen nicht mehr durchgeführt werden.“


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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