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Kindesmissbrauch in Lügde : NRW-Innenminister fassungslos über „Polizeiversagen“

Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul Bild: dpa

Im Kindesmissbrauch in Lügde sind CDs und DVDs der Hauptverdächtigen verschwunden. Bei den Ermittlungen will NRW-Innenminister Reul nun „überhaupt nichts mehr“ ausschließen.

          Herbert Reul ringt kurz vor dem Ende seines Statements zum neusten schweren Vorfall bei den Ermittlungen zum Massenmissbrauch von Lügde um Contenance. Was passiert sei, tue ihm „unendlich leid; ich kann im Namen der gesamten nordrhein-westfälischen Polizei und der Landesregierung nur vielmals um Entschuldigung bitten“. In einem eilends angesetzten Pressestatement berichtet der nordrhein-westfälische Innenminister am späten Donnerstagnachmittag, dass der Kreispolizeibehörde bei den Ermittlungen zu dem Verbrechen ein Alukoffer und eine Hülle mit insgesamt 155 Datenträgern in Form von CDs und DVDs abhandengekommen sind.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Zwar handle es sich bei der vermissten Datenmenge um maximal 0,7 der insgesamt 15 Terabyte beim Hauptverdächtigen sichergestellten Datenmenge, auch reiche das vorhandene Material nach Auskunft von Fachleuten des Landeskriminalamts aus, um Andreas V. und die beiden anderen mutmaßlichen Pädokriminellen zu überführen. „Doch solche Fehler wie hier, die dürfen auf keinen Fall passieren“, sagt der CDU-Politiker Reul. Er sei „fassungslos“, man müsse von „Polizeiversagen“, von einem „Debakel“ sprechen.

          „Gefahr, dass die Polizei insgesamt in Misskredit kommt“

          Reul hat fünf Sonderermittler des LKAs zur Kreispolizeibehörde Lippe entsandt, die dort seit vergangener Woche „keinen Stein auf dem anderen lassen“. Aufgabe der Fachleute ist es aufzuklären, wie die Asservate verschwinden konnten, denn nun steht der Verdacht im Raum, dass jemand die Datenträger vorsätzlich beiseite schaffte. Er könne „überhaupt nichts mehr“ ausschließen, sagt Reul. Geprüft werden müsse auch noch einmal, ob ermittelnde Beamte der Kreispolizei Lippe den Hauptverdächtigen kannten. Entsprechende Gerüchte gebe es schon seit einiger Zeit. Man habe das schon einmal geprüft, werde dem nun aber noch einmal nachgehen. Am Freitag legt Reul im WDR nach. Den Fall Lügde „restlos“ aufzuklären, sei „wahnsinnig bedeutsam“, denn es bestehe „die Gefahr, dass die Polizei insgesamt in Misskredit kommt“.

          Seit im Fall Lügde Ende vergangenen Jahres die Ermittlungen begannen, reiht sich eine Ungeheuerlichkeit an die andere. Seither sitzen Andreas V., ein 56 Jahre alter Arbeitsloser, der gemeinsam mit seiner acht Jahre alten Pflegetochter in einem aus mehreren Holzverschlägen zusammengezimmerten Haus auf dem Campingplatz „Eichwald“ im ostwestfälischen Lüdge lebte, ein 33 Jahre alter Mann aus Höxter und ein 48 Jahre alter Mann aus Stade in Untersuchungshaft. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft soll V. in den vergangenen Jahren mindestens 31 Kinder mehr als 1000 mal missbraucht haben. Seit einiger Zeit wechselte er sich dabei mit seinem Komplizen aus Höxter ab. Gemeinschaftlich sollen die beiden Pädokriminellen im großen Stil kinderpornografische Filme hergestellt haben, die sie dem Auftraggeber in Stade lieferten.

          Blick auf ein Gebäude auf dem Campingplatz Eichwald im nordrhein-westfälischen Lügde.

          Im Fokus haben die Ermittler auch die Jugendämter der Kreise Hamel-Pyrmont und Lippe. Und wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt wird zudem gegen zwei Polizeibeamte ermittelt. Anlass dafür sind zwei Hinweise auf mögliche Kindeswohlgefährdung, die ein besorgter Vater und eine Mitarbeiterin des Jobcenters Lippe schon 2016 gegeben hatten. Die beiden Polizeibeamten gaben diese Hinweise jedoch lediglich jeweils an das Jugendamt in Detmold weiter, auf die Einleitung eigener Ermittlungen verzichteten sie. Als der Missbrauchsskandal Ende Januar öffentlich bekannt wurde, fand Innenminister Reul deutliche Worte. Es handle sich um ein „unvorstellbar monströses Verbrechen“, sagte er. „Das ist Behördenversagen an allen Ecken und Kanten.“ Auch den Umstand, dass so viele Kinder über einen solch langen Zeitraum von den Behörden unbemerkt missbraucht wurden, thematisierte Reul. Sogar seiner Oma wäre das alles aufgefallen, formulierte er flapsig.

          Am Donnerstag erinnert Reul in seinem Statement daran, dass er „seine“ Polizei von Beginn an in die Kritik einbezogen habe. „Inzwischen ist das keine Vermutung, sondern traurige Gewissheit.“ Es beginnt schon damit, dass in der Kreispolizei Lippe erst am 30. Januar auffiel, dass die Asservate schon seit dem 20. Dezember spurlos verschwunden waren. Wie der Landeskriminaldirektor Dieter Schürmann am Donnerstagnachmittag an der Seite von Reul mitteilt, ist es bei der Kreispolizei noch zu gravierenden Fehlern und Versäumnissen gekommen.

          So war der Sichtungsraum, in dem sich die DVDs und CDs befanden, nicht ordnungsgemäß gesichert. Eine Zugangskontrolle fand nicht statt. Deshalb lässt sich technisch nun nicht mehr rekonstruieren, wer wann und wie lange in dem Raum war. Nur drei der verschwundenen 155 Datenträger wurden zudem „gespiegelt“. Solche Sicherungskopien sind unabdingbar, um in einem Strafprozess revisionssicher nachweisen zu können, das nichts an den Beweisstücken manipuliert oder verändert wurde. Hinzu kommt: An den Ermittlungen der Polizei im Kreis Lippe war zunächst auch eine Beamtin beteiligt, die 2016 einen der Hinweise aufgenommen und lediglich an das Jugendamt weiterleitet hatte, statt selbst aktiv zu werden. Nachdem dies klar gewesen sei, sei diese Polizistin sehr schnell abgezogen worden, sagt Landrat Axel Lehmann (SPD), der auch Leiter der Polizeibehörde Lippe ist.

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