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NPD-Vorsitzender Apfel : Braune Kreide fressen

Kein Glatzkopf mit Springerstiefeln

Unter Apfel redet die NPD anders, aber sie denkt wie immer. Apfel bezeichnet sich selbst als Verehrer von Rudolf Heß. Seit 1993 hat er mehrmals an Kundgebungen zu Ehren des Hitler-Stellvertreters teilgenommen. „Weil ich mich mit der Friedensmission von Rudolf Heß identifiziere und ich an sein Martyrium erinnern wollte.“ Apfel leiert solche Antworten mit einer gewissen Gelangweiltheit herunter, den Blick auf den Tisch gesenkt. Danach schaut er hoch und lächelt spöttisch. Er kann sich also mit dem Stellvertreter von Adolf Hitler identifizieren. Aber natürlich nur aus Gründen des Pazifismus, weil Heß 1941 mit einer Messerschmitt nach Großbritannien flog, um dort angeblich Friedensverhandlungen zu führen, verhaftet wurde und bis zu seinem Tod 1987 in Spandau im Gefängnis saß.

Von solchen Zweideutigkeiten hat Apfel an diesem Tag schon mehrere Kostproben gegeben. Eine Stunde zuvor hatte er sich im sächsischen Landtag öffentlich um das Wohlergehen von muslimischen und jüdischen Kindern nach ihrer Beschneidung gesorgt. Ausgerechnet Apfel - der Rudolf-Heß-Fan. Zuvor hatte NPD-Kollege Gansel den Juden und Muslimen in Deutschland vorgeworfen, sie hätten ein „Bedürfnis nach Genitalverstümmelung“, für welches die Bundesregierung einen „Persilschein“ ausstellen wolle, um „mit einem Gefälligkeitsgesetz die Juden- und Islamlobby zu besänftigen“. Und als der sächsische Justizminister Jürgen Martens (FDP) an das Rednerpult trat, um Gansel und Apfel plumpen Antiislamismus und Antisemitismus vorzuwerfen, legte Apfel sein Kinn auf die Brust und kicherte wieder. Wieder war die Provokation geglückt. „Das sind wohlkalkulierte Tabubrüche“, sagt Apfel später, „und der politische Gegner springt meistens über das Stöckchen, das man ihm hinschmeißt.“

Apfel hat die Gewohnheit, seine Gesinnung zu kaschieren, wenn er sich davon einen Vorteil verspricht. Das war schon als Schüler der Friedrich-List-Schule in Hildesheim so, wo er 1991 sein Wirtschaftsabitur machte. Er habe sich um ein „differenziertes Auftreten“ bemüht, um seinen „Schulabschluss nicht zu gefährden“, sagt er. So habe er zum Beispiel nie „Kanacke“ zu seinen vier „ausländischen“ Mitschülern gesagt. Apfel war kein Glatzkopf mit Springerstiefeln, kein Hetzer im Unterricht, sondern ein stiller Hinterbänkler. In Wahlkämpfen erzählt er manchmal von seiner Schulzeit und den „vier Ausländern“ in seiner Klasse mit 31 Schülern, wenn er vor der „Überfremdung“ Deutschlands warnen will. Apfel lebt heute in Sachsen, einem Bundesland mit 2,9 Prozent Ausländeranteil. „Die Überfremdung war damals schon weit fortgeschritten“, sagt Apfel, durch die vier sei das Niveau des Unterrichts gesenkt worden.

Die braune Kreide hilft nicht überall

„Totaler Blödsinn“, sagt Sven Burre. Der ehemalige Mitschüler von Apfel kann sich an zwei spanische Mädchen in Apfels Klasse erinnern, Zwillinge. Die hätten das Niveau gesenkt? Unsinn. Apfel sei an der Schule eine Randerscheinung gewesen, ein mittelmäßiger Schüler, der von Mitschülern „Apfelbäckchen“ genannt worden sei. Ein ehemaliger Tutor von Apfel bezeichnet ihn als „personifizierten Durchschnitt“. Andere Lehrer, die den Rechtsradikalen kannten, pflegten einen ironischen Umgang mit ihm: „Für den Herrn Apfel nehmen wir heute mal die braune Kreide“, sagte einer seiner Lehrer bisweilen.

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