https://www.faz.net/-gpf-qgh8

Nordrhein-Westfalen : Das industrielle Herz schlägt nicht mehr

Bild: F.A.Z.

Eigentlich sollte Nordrhein-Westfalen ein wirtschaftlich starkes Land werden. Das war zumindest bei der Gründung 1946 der Wille der Briten. Ein halbes Jahrhundert später ist von dem industriellen Eifer nicht viel geblieben.

          7 Min.

          Nordrhein-Westfalen sollte ein wirtschaftlich starkes Land werden. Das war zumindest bei der Gründung des Bindestrich-Landes 1946 der Wille der Briten, in deren Besatzungszone die früheren Provinzen Nordrhein und Westfalen fielen. Das Ruhrgebiet, das eben einen westfälischen und einen nordrheinischen Teil hatte, sollte eine Einheit bilden. Das „montanindustrielle Herz“ sollte nicht zwischen zwei Bundesländern aufgeteilt werden.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Das geschah auch nicht, weil sich die Briten gegen die Vorstellungen Frankreichs durchsetzten und der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer über die Rolle des Ruhrgebietes folgende Einschätzung abgab: „Ich betrachte es als wichtig, daß das Ruhrgebiet, das heißt ein industrieller Bezirk, jetzt in einem großen Land zusammengefaßt wurde und mit landwirtschaftlichen Gebieten und Gegenden, die von mittlerer und kleinerer Industrie besiedelt waren.

          Nicht viel geblieben

          Denn wenn das Ruhrgebiet, das früher schon zum großen Teil kommunistisch gewählt hatte und in dem jetzt, nach dem Zusammenbruch Deutschlands, eine starke kommunistische Agitation entfaltet wurde, ein Land für sich geworden wäre, hätte die CDU dort keinerlei Chance gehabt. (...) Durch die Verknüpfung des Rheinlandes und seiner überwiegend konservativ ausgerichteten Bevölkerung mit dem Ruhrgebiet erschien mir die von linksgerichteten Gruppen des Ruhrgebietes ausgehende Gefahr der Verbindung mit der Sowjetunion erheblich gemindert.“

          Die Zeit der Zechen ist vorbei

          Ein halbes Jahrhundert später ist von diesem industriellen Kern nicht viel geblieben: die „Zeche Zollverein“ in der Nähe von Gelsenkirchen ist heute ein Vorzeigeprojekt der Industriedenkmalpflege, und die Gebläsehalle des Bochumer Gußstahlwerks ist nur noch eine Veranstaltungshalle. Zudem steht das Ruhrgebiet - wegen der demographischen Krise - vor neuen Umwälzungen: Bald werden Migranten die Mehrheit der Stadtbevölkerung stellen. Jeder fünfte nichtdeutsche Schüler verläßt die Schule ohne Hauptschulabschluß, was auch bedeutet, daß sie die Anforderungen, die Arbeitgeber der Dienstleistungsbranche stellen, nicht erfüllen können.

          Trübe Zukunftsaussichten

          „Räumliche Segregation“ und „soziale Polarisierung“ sagen Stadtsoziologen wie Klaus-Peter Strohmeier dem Ruhrgebiet voraus. Auch die Zukunft großer Industriebetriebe ist unsicher, wie der Fall des Opel-Werks in Bochum gezeigt hat. Auf den ersten Strukturwandel, den Abbau der Montanindustrie, folgte ein zweiter Modernisierungsprozeß, der das Industriearbeitermilieu weiter schwächt.

          Nicht zuletzt wegen dieser trüben Zukunftsaussichten hat die SPD im Ruhrgebiet die größten Schwierigkeiten, ihre traditionalistisch orientierten Stammwähler zu mobilisieren, sie am kommenden Sonntag dazu zu bewegen, zur Wahl zu gehen. Während Bayern und Sachsen es vermocht haben, neue nennenswerte Industrien anzusiedeln, so scheint es, hat Nordrhein-Westfalen seine Industriegeschichte im Ruhrgebiet zwar perfekt musealisiert, als Industrie- und Wissenschaftsstandort - gemessen zum Beispiel an der Investitionsquote - rangiert es weit hinter Bayern und Baden-Württemberg.

          Eine Million Arbeitslose

          Weitere Themen

          Zweiter Platz, erster Verlierer

          Grüne in Hamburg : Zweiter Platz, erster Verlierer

          Die Grünen legen erheblich zu, verpassen aber schon wieder eine große Chance: in einem zweiten Bundesland zu regieren. Für Robert Habeck und Annalena Baerbock wird es damit nicht leichter, ihren Anspruch auf Platz eins bei der nächsten Bundestagswahl glaubwürdig zu machen.

          Tschentschers Plan ist aufgegangen

          Hamburg hat gewählt : Tschentschers Plan ist aufgegangen

          Hamburg beschert der SPD fast vergessene Glücksgefühle. Der Erste Bürgermeister bleibt im Amt. Er könnte sich sogar den Partner aussuchen. Würde er lieber mit dem Verlierer CDU regieren als mit kraftstrotzenden Grünen?

          Topmeldungen

          Harvey Weinstein vor der Urteilsverkündung in New York

          New York : Harvey Weinstein wegen Sexualverbrechen schuldig gesprochen

          Im Vergewaltigungsprozess gegen Harvey Weinstein hat die Jury den ehemaligen Hollywood-Mogul wegen Sexualverbrechen schuldig gesprochen. Das teilten die Geschworenen dem Obersten New Yorker Gericht nach tagelangen Beratungen mit.
          Giulia Silberberger klärt bei „Der goldene Aluhut“ über Verschwörungstheorien auf.

          Verschwörungstheorien im Netz : „Das sind keine lustigen Spinner“

          Die Hetze, die durch Verschwörungstheorien befeuert wird, kann bedrohlich werden – das hat der Terrorakt in Hanau wieder bewiesen. Im Gespräch erzählt Giulia Silberberger, wie man gegen die Verbreitung solcher Ideologien vorgehen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.