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Norbert Röttgen : Der Mann ohne Bauch

  • -Aktualisiert am

Der ambitionierte Aufsteiger nun einsam und Außenseiter? Über die „Bild am Sonntag“ lässt Norbert Röttgen verlauten, er wolle auch 2013 für den Bundestag kandidieren und stellvertretender Vorsitzender der CDU bleiben Bild: dpa

Norbert Röttgen ist abgestürzt wie nur wenige. Er wähnte sich auf den Weg in den politischen Olymp. Doch dann verließ ihn seine Urteilskraft.

          Wenn man den Reichstag durch den Osteingang betritt und gleich rechts die Treppe bis in die erste Etage geht, kommt man zum Büro der Bundeskanzlerin. Sie nutzt es, wenn sie am Rande einer Bundestagssitzung in Ruhe mit jemandem sprechen will. Oder am Rande einer Bundesversammlung, wie derjenigen, die am 18. März Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wählte. In diesem Büro traf sich an jenem Sonntag Angela Merkel mit dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer und ihrem Umweltminister Norbert Röttgen. Seehofer hatte um das Treffen gebeten, Merkel hatte schnell eingewilligt. Beide wollten Röttgen dazu bewegen, als Spitzenkandidat der CDU bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ganz nach Düsseldorf zu wechseln und das auch zu verkünden. Röttgen weigerte sich.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Angela Merkel muss diese Sache sehr wichtig gewesen sein. Es gibt die Darstellung, dass sie Röttgen ein interessantes Angebot machte. Er solle doch im Wahlkampf sagen, dass er auf jeden Fall nach Düsseldorf gehen werde, im Falle einer Niederlage auch als Oppositionsführer. Sie werde ihn dann schon nach Berlin zurückholen. Allerdings gibt es ebenso die gegenteilige Behauptung: Solche Geschäfte pflege die Kanzlerin nicht zu machen.

          Frühstarter: der Bundestagsabgeordnete Norbert Röttgen im Jahr 1996

          Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte, und Frau Merkel hat kein ausdrückliches Geschäft vorgeschlagen, Röttgen aber doch erkennen lassen, dass es so ablaufen könnte. Im Grunde ist es auch gleichgültig. Entscheidend ist, dass Röttgen nicht von sich aus den Sprung nach Düsseldorf gewagt hat in der Hoffnung, bei einem einigermaßen ordentlichen Ergebnis würde sich ein Rückweg auftun. Doch dafür fehlt dem schlanken, stets im akkurat sitzenden Anzug auftretenden Röttgen der Bauch.

          „Wie mit dem Tunnelblick durch die Politik“

          Der noch nicht einmal 50 Jahre alte Norbert Röttgen ließ sich noch nie übermäßig gern beraten. Aber in jüngerer Zeit, so schildern es sogar diejenigen, die ihm nicht feindlich gegenüberstehen, ging er auf nichts mehr ein. „Er ist wie mit dem Tunnelblick durch die Politik gelaufen“, sagt einer aus den Berliner Unionskreisen. Tunnelblick - der Begriff stammt aus der Augenheilkunde und bedeutet eine „konzentrische Einengung des Gesichtsfeldes auf einen zentralen Rest“. Dieser zentrale Rest war im Fall von Röttgen nichts anderes als er selbst.

          Wer ist der Mann, dem auch seine politischen Weggefährten unterstellen, er denke von früh bis spät nur daran, wie er Kanzler werden könne, habe sich schon ausgemalt, dass er den CDU-Vorsitz übernehme, wenn Angela Merkel im nächsten Jahr von einer Koalition aus SPD, Grünen und FDP von der Macht gefegt werde

          Der vor drei Jahren ein Buch veröffentlichte mit dem Titel „Deutschlands beste Jahre kommen noch“ und dabei den Eindruck nicht ganz vermeiden konnte, es gehe um seine besten Jahre? Der von den Medien lange als Vertrauter der Kanzlerin beschrieben wurde, in letzter Zeit aber immer mehr als deren Konkurrent? Der jetzt aus den zweithöchsten Höhen der Politik - einem Amt als Bundesminister und einem als Vorsitzender der nordrhein-westfälischen CDU - abgestürzt ist auf den Stuhl eines Bundestagsabgeordneten mit einer Wucht, die ungewiss erscheinen lässt, ob der Gestürzte sowie das Möbelstück es überstehen?

          Guttenberg für Nicht-so-Reiche

          Es gab vor kurzem einen ähnlichen Fall. Vor gut einem Jahr verlor der zum Hoffnungsträger der deutschen Politik stilisierte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg auf einen Schlag sein Amt und wenig später den Bezirksvorsitz Oberfranken, was im CSU-Gefüge das Gewicht hat wie der Vorsitz in einem kleinen CDU-Landesverband. Röttgen ist ein Guttenberg für Nicht-so-Reiche. Er ist nicht millionenschwerer Erbe mit Familienschloss, sondern kommt aus der Beamtensiedlung Meckenheim vor den Toren Bonns. Er ist etwas länger in der Politik und in seiner Partei gereift, bevor er wie Guttenberg im Jahr 2009 Bundesminister wurde. Und er ist etwas weniger steil hochgeschrieben worden als sein aristokratisches Pendant. Die Differenz pflegte er gern auszugleichen, indem er dem Publikum mit gespitztem Mund und gedrechselten Sätzen deutlich machte, was er für ein begabter Politiker ist. Demut kam in seinem politischen Leben bisher weder gespielt noch wirklich vor.

          Offensichtliche Dissonanzen: Angela Merkel wollte nicht als kalt berechnende Machtpolitikerin erscheinen; Norbert Röttgen aber weigerte sich zurückzutreten. Dieses Bild zeigt beide Ende März im Bundestag (verdeckt Kanzleramtsminister Ronald Pofalla)

          Geboren im Jahr 1965, ist Röttgen 1982 in die CDU eingetreten und übernahm in deren nordrhein-westfälischem Landesverband früh allerlei Führungsämter. 1994 gewann er im Rhein-Sieg-Kreis, der sich wie ein Belagerungsring um die einstige Bundeshauptstadt schließt, ein Direktmandat und zog in den Bundestag ein. Zu dieser Zeit traf er auf Angela Merkel, die Umweltministerin in der letzten Regierung Kohl war. Er konnte früh sehen, welche Bedeutung die Macht in einer Partei für das exekutive Handeln hat. Helmut Kohl machte es vor. Angela Merkel machte es dem Kanzler nach und besorgte sich als Bundesministerin die Führung der CDU in Mecklenburg-Vorpommern. Röttgen kam offenbar zu der Auffassung, dass das so sein müsse, weshalb er anderthalb Jahrzehnte später nach dem Landesvorsitz in Nordrhein-Westfalen griff - und damit die Axt an die Wurzeln seiner politischen Karriere legte.

          Er blieb, was er war

          Röttgen stieg mit Merkel auf. Zusammen mit anderen jungen CDU-Abgeordneten, etwa seinem jetzigen Nachfolger Peter Altmaier, piesackte er den Kanzler, indem er Kontakte zu den Grünen suchte. Zu Merkels Missfallen war das nicht. Da sie auf der Karriereleiter immer ein paar sichere Schritte vor den Jüngeren war, sah sie in ihnen das, was die meisten auch waren: ihre Helfer. Doch anders als die Gröhes, Pofallas und Altmaiers fing Röttgen irgendwann an, aus dem Ruder zu laufen. Es reichte ihm nicht mehr, ein Amt von Angela Merkels Gnaden zu haben. Im Januar 2005 machte sie ihn zum Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag. Für einen Vierzigjährigen ist diese Schaltstelle parlamentarischer Macht ein verdammt guter Posten, mit dem man nicht unzufrieden sein muss. Wolfgang Schäuble hatte dieses Amt einst inne, Rudolf Seiters, Friedrich Bohl oder Jürgen Rüttgers, um nur einige zu nennen, die in der CDU etwas geworden sind.

          Röttgen war das schnell zu wenig. Als im Herbst desselben Jahres Merkel Kanzlerin wurde, hatte er offenbar gehofft, auch mit aufzusteigen und ihr Kanzleramtsminister zu werden. Stattdessen blieb er, was er war. Die meisten waren einverstanden mit der Art, wie er die Regierungsfraktion durch die ungewohnten großkoalitionären Gewässer steuerte, waren zufrieden, dass Röttgen Parlamentarischer Geschäftsführer war. Nur einer nicht: er selbst. Die Art, in der er in kleiner Runde bisweilen über den Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder sprach, ließ erkennen, dass er sich mindestens für ebenso geeignet für dessen Amt hielt. Mindestens. Kauder war nicht das einzige Ziel solcher Nachrede.

          Schon mal mit dem Säbel gerasselt

          Röttgen machte seine Unzufriedenheit auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich, als er ein knappes Jahr später plante, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) zu werden. Sein Bundestagsmandat wollte er behalten. Die Diskussion darüber, ob das akzeptabel sei, eskalierte auch im BDI derart, dass Röttgen sich schließlich wieder ganz auf die Politik beschränkte. Aber er hatte schon mal mit dem Säbel gerasselt. Die Fraktion und deren Vorsitzender Kauder nahmen Röttgen seinen Ausflug nicht übel. Jedenfalls wurde er schon im darauffolgenden Jahr mit 94 Prozent der Stimmen als Geschäftsführer wiedergewählt. Er hatte durchaus politische Freunde in der Union oder mindestens Unterstützer, die ihn für ein politisches Schwergewicht hielten. Als kleines Dankeschön versuchte Röttgen bei nächster Gelegenheit, Kauder den Fraktionsvorsitz streitig zu machen. Ohne Erfolg.

          Röttgen kann tatsächlich politisches Gewicht entwickeln. In Sachfragen hat er das bewiesen. Er trat für einen rascheren Verzicht auf die Atomstromerzeugung ein, als die Kanzlerin noch für längere Laufzeiten der Kernkraftwerke stritt. Dafür bezog er viel Prügel. Nach der Atomkatastrophe in Japan schwenkte dann die ganze CDU unter Führung der Kanzlerin auf den Kurs ein, den Röttgen schon vorgezeichnet hatte.

          Doch in jenen Jahren, angekommen auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Machtkurve, verließ Röttgen sein politischer Instinkt. Er griff nach der parteipolitischen Macht am Rhein. In einer Mitgliederbefragung gelang es ihm, den Vorsitz der nordrhein-westfälischen CDU gegen seinen Konkurrenten Armin Laschet zu erringen. Wohlgemerkt: Die Parteimitglieder wollten es so.

          Dass ein Bundesminister zugleich Landesvorsitzender seiner Partei ist, ist weder verboten, noch war Röttgen der erste Fall. Von Angela Merkel war hier schon die Rede. Auch sie wollte ihr bundespolitisches Amt nie gegen eine landespolitische Position in Schwerin eintauschen. Der Unterschied ist allerdings, dass Mecklenburg-Vorpommern für die CDU etwas ganz anderes ist als Nordrhein-Westfalen. Zudem hatte Merkel bei ihrer Wahl zur Landeschefin gesagt, sie werde niemals für das Amt der Ministerpräsidentin kandidieren.

          Zu viel des Falschen

          Röttgen versäumte es, klar zu sagen, dass er kein Interesse an der Landespolitik hat. Er hatte gepokert, hatte gehofft, dass die rot-grüne Minderheitsregierung am Rhein die komplette Legislaturperiode bis zum Jahr 2015 durchhalten und eine Spitzenkandidatur frühestens dann auf ihn zukommen würde. Da hatte er sich verzockt. Vor zwei Monaten wurde der Landtag aufgelöst, eine vorzeitige Wahl anberaumt. Doch die Wähler spürten, dass es den Spitzenkandidaten Röttgen nicht wirklich in ihr Land zieht. So oft auch geschimpft wird, den Politikern gehe es nur um die Macht: Ein Kandidat, der die bei der Wahl zu vergebende Macht gar nicht will, wird vom Wähler abgestraft.

          Röttgen stürzte ab, riss die CDU mit sich und versuchte im Straucheln auch noch, die Wahl zu einer Abstimmung über Angela Merkels Sparpolitik zu machen. Das war zu viel des Falschen aus Sicht der Kanzlerin. Sie ließ ihn fallen.

          Sogar diejenigen, die zu Röttgen halten, sagen, sein Fehler sei es gewesen, den Landesvorsitz zu übernehmen. Die Kritischeren werden noch deutlicher: Als Röttgen dieses Risiko eingegangen sei, habe man an seiner politischen Urteilsfähigkeit zweifeln müssen.

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