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Norbert Röttgen : Der Mann ohne Bauch

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Schon mal mit dem Säbel gerasselt

Röttgen machte seine Unzufriedenheit auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich, als er ein knappes Jahr später plante, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) zu werden. Sein Bundestagsmandat wollte er behalten. Die Diskussion darüber, ob das akzeptabel sei, eskalierte auch im BDI derart, dass Röttgen sich schließlich wieder ganz auf die Politik beschränkte. Aber er hatte schon mal mit dem Säbel gerasselt. Die Fraktion und deren Vorsitzender Kauder nahmen Röttgen seinen Ausflug nicht übel. Jedenfalls wurde er schon im darauffolgenden Jahr mit 94 Prozent der Stimmen als Geschäftsführer wiedergewählt. Er hatte durchaus politische Freunde in der Union oder mindestens Unterstützer, die ihn für ein politisches Schwergewicht hielten. Als kleines Dankeschön versuchte Röttgen bei nächster Gelegenheit, Kauder den Fraktionsvorsitz streitig zu machen. Ohne Erfolg.

Röttgen kann tatsächlich politisches Gewicht entwickeln. In Sachfragen hat er das bewiesen. Er trat für einen rascheren Verzicht auf die Atomstromerzeugung ein, als die Kanzlerin noch für längere Laufzeiten der Kernkraftwerke stritt. Dafür bezog er viel Prügel. Nach der Atomkatastrophe in Japan schwenkte dann die ganze CDU unter Führung der Kanzlerin auf den Kurs ein, den Röttgen schon vorgezeichnet hatte.

Doch in jenen Jahren, angekommen auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Machtkurve, verließ Röttgen sein politischer Instinkt. Er griff nach der parteipolitischen Macht am Rhein. In einer Mitgliederbefragung gelang es ihm, den Vorsitz der nordrhein-westfälischen CDU gegen seinen Konkurrenten Armin Laschet zu erringen. Wohlgemerkt: Die Parteimitglieder wollten es so.

Dass ein Bundesminister zugleich Landesvorsitzender seiner Partei ist, ist weder verboten, noch war Röttgen der erste Fall. Von Angela Merkel war hier schon die Rede. Auch sie wollte ihr bundespolitisches Amt nie gegen eine landespolitische Position in Schwerin eintauschen. Der Unterschied ist allerdings, dass Mecklenburg-Vorpommern für die CDU etwas ganz anderes ist als Nordrhein-Westfalen. Zudem hatte Merkel bei ihrer Wahl zur Landeschefin gesagt, sie werde niemals für das Amt der Ministerpräsidentin kandidieren.

Zu viel des Falschen

Röttgen versäumte es, klar zu sagen, dass er kein Interesse an der Landespolitik hat. Er hatte gepokert, hatte gehofft, dass die rot-grüne Minderheitsregierung am Rhein die komplette Legislaturperiode bis zum Jahr 2015 durchhalten und eine Spitzenkandidatur frühestens dann auf ihn zukommen würde. Da hatte er sich verzockt. Vor zwei Monaten wurde der Landtag aufgelöst, eine vorzeitige Wahl anberaumt. Doch die Wähler spürten, dass es den Spitzenkandidaten Röttgen nicht wirklich in ihr Land zieht. So oft auch geschimpft wird, den Politikern gehe es nur um die Macht: Ein Kandidat, der die bei der Wahl zu vergebende Macht gar nicht will, wird vom Wähler abgestraft.

Röttgen stürzte ab, riss die CDU mit sich und versuchte im Straucheln auch noch, die Wahl zu einer Abstimmung über Angela Merkels Sparpolitik zu machen. Das war zu viel des Falschen aus Sicht der Kanzlerin. Sie ließ ihn fallen.

Sogar diejenigen, die zu Röttgen halten, sagen, sein Fehler sei es gewesen, den Landesvorsitz zu übernehmen. Die Kritischeren werden noch deutlicher: Als Röttgen dieses Risiko eingegangen sei, habe man an seiner politischen Urteilsfähigkeit zweifeln müssen.

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