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Norbert Röttgen : Der Mann ohne Bauch

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Guttenberg für Nicht-so-Reiche

Es gab vor kurzem einen ähnlichen Fall. Vor gut einem Jahr verlor der zum Hoffnungsträger der deutschen Politik stilisierte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg auf einen Schlag sein Amt und wenig später den Bezirksvorsitz Oberfranken, was im CSU-Gefüge das Gewicht hat wie der Vorsitz in einem kleinen CDU-Landesverband. Röttgen ist ein Guttenberg für Nicht-so-Reiche. Er ist nicht millionenschwerer Erbe mit Familienschloss, sondern kommt aus der Beamtensiedlung Meckenheim vor den Toren Bonns. Er ist etwas länger in der Politik und in seiner Partei gereift, bevor er wie Guttenberg im Jahr 2009 Bundesminister wurde. Und er ist etwas weniger steil hochgeschrieben worden als sein aristokratisches Pendant. Die Differenz pflegte er gern auszugleichen, indem er dem Publikum mit gespitztem Mund und gedrechselten Sätzen deutlich machte, was er für ein begabter Politiker ist. Demut kam in seinem politischen Leben bisher weder gespielt noch wirklich vor.

Offensichtliche Dissonanzen: Angela Merkel wollte nicht als kalt berechnende Machtpolitikerin erscheinen; Norbert Röttgen aber weigerte sich zurückzutreten. Dieses Bild zeigt beide Ende März im Bundestag (verdeckt Kanzleramtsminister Ronald Pofalla)

Geboren im Jahr 1965, ist Röttgen 1982 in die CDU eingetreten und übernahm in deren nordrhein-westfälischem Landesverband früh allerlei Führungsämter. 1994 gewann er im Rhein-Sieg-Kreis, der sich wie ein Belagerungsring um die einstige Bundeshauptstadt schließt, ein Direktmandat und zog in den Bundestag ein. Zu dieser Zeit traf er auf Angela Merkel, die Umweltministerin in der letzten Regierung Kohl war. Er konnte früh sehen, welche Bedeutung die Macht in einer Partei für das exekutive Handeln hat. Helmut Kohl machte es vor. Angela Merkel machte es dem Kanzler nach und besorgte sich als Bundesministerin die Führung der CDU in Mecklenburg-Vorpommern. Röttgen kam offenbar zu der Auffassung, dass das so sein müsse, weshalb er anderthalb Jahrzehnte später nach dem Landesvorsitz in Nordrhein-Westfalen griff - und damit die Axt an die Wurzeln seiner politischen Karriere legte.

Er blieb, was er war

Röttgen stieg mit Merkel auf. Zusammen mit anderen jungen CDU-Abgeordneten, etwa seinem jetzigen Nachfolger Peter Altmaier, piesackte er den Kanzler, indem er Kontakte zu den Grünen suchte. Zu Merkels Missfallen war das nicht. Da sie auf der Karriereleiter immer ein paar sichere Schritte vor den Jüngeren war, sah sie in ihnen das, was die meisten auch waren: ihre Helfer. Doch anders als die Gröhes, Pofallas und Altmaiers fing Röttgen irgendwann an, aus dem Ruder zu laufen. Es reichte ihm nicht mehr, ein Amt von Angela Merkels Gnaden zu haben. Im Januar 2005 machte sie ihn zum Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag. Für einen Vierzigjährigen ist diese Schaltstelle parlamentarischer Macht ein verdammt guter Posten, mit dem man nicht unzufrieden sein muss. Wolfgang Schäuble hatte dieses Amt einst inne, Rudolf Seiters, Friedrich Bohl oder Jürgen Rüttgers, um nur einige zu nennen, die in der CDU etwas geworden sind.

Röttgen war das schnell zu wenig. Als im Herbst desselben Jahres Merkel Kanzlerin wurde, hatte er offenbar gehofft, auch mit aufzusteigen und ihr Kanzleramtsminister zu werden. Stattdessen blieb er, was er war. Die meisten waren einverstanden mit der Art, wie er die Regierungsfraktion durch die ungewohnten großkoalitionären Gewässer steuerte, waren zufrieden, dass Röttgen Parlamentarischer Geschäftsführer war. Nur einer nicht: er selbst. Die Art, in der er in kleiner Runde bisweilen über den Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder sprach, ließ erkennen, dass er sich mindestens für ebenso geeignet für dessen Amt hielt. Mindestens. Kauder war nicht das einzige Ziel solcher Nachrede.

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