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Bei Mieten von Wien lernen : Im Kampf gegen sozialen Sprengstoff

Unbebaute Flächen haben Seltenheitswert: Alte Bahngleise führen ins Frankfurter Europaviertel, dahinter erheben sich die Bankentürme. Bild: Marcus Kaufhold

In deutschen Großstädten steigen die Mieten und fehlen Sozialwohnungen. Unternehmen treiben die Preise in die Höhe. Viele suchen die Lösung in Wien – ist dort das Patentrezept?

          Die Bundesregierung lädt am Freitag zum Wohnungsgipfel ins Kanzleramt, dabei wäre es eigentlich besser, wenn sich die Beteiligten direkt in der Wiener Hofburg träfen. Deutsche Politiker pilgern seit Monaten in die österreichische Hauptstadt, um dort zu erfahren, wie man Mieter und damit Bürger zufriedenstellt. Wie man es schafft, dass Mieten nicht in schwindelerregende Höhen steigen, dass Stadtteile sozial durchmischt bleiben – und es auch Sozialwohnungen in Großstädten gibt.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Ein Teil der Antwort darauf ist: Wien selbst gilt als die größte kommunale Hausbesitzerin der Welt. Zwei von drei Mietern leben in einer der gut 400.000 Gemeinde- oder Genossenschaftswohnungen. Die Mieten, die sie zahlen, sind in der Tat atemberaubend günstig, im Durchschnitt zwischen sechs und sieben Euro pro Quadratmeter.

          Das gilt nicht nur für Gemeindebauten in einem der klassischen Arbeiterbezirke, in Favoriten oder Simmering, auch in teuerster Wohnlage im 1. Bezirk gibt es Gemeindewohnungen, und in Heiligenstadt im gediegenen 19. Bezirk steht der bekannteste Gemeindebau aus dem Jahr 1930, der einen bezeichnenden Namen trägt: Karl-Marx-Hof.

          Weil die Mittelschicht aus der Stadt gedrängt wird, steigt das Verkehrsaufkommen

          Davon können Mieter in deutschen Großstädten nur träumen. Nach München ist Frankfurt in der Regel an der Spitze der Statistiken, was die Mietpreise betrifft – vor allem steigen die Preise hier auf hohem Niveau relativ schnell. In den vergangenen fünf Jahren um 17 Prozent. Der Wohnungsmarkt, berichten Makler, sei leergefegt. Wie auch in anderen westdeutschen Großstädten sind Leute mit mittlerem Einkommen zunehmend gezwungen, raus aus der Stadt zu ziehen – wodurch die Pendlerströme stetig anwachsen. Frankfurt könnte in die absurde Lage kommen, dass ein Teil der Pendler dank des schon ab Februar 2019 drohenden Diesel-Fahrverbots neue Autos brauchte, um noch in die Stadt fahren zu dürfen.

          Die heutige Situation hat viel mit falschen Prognosen zu tun. Noch vor zehn Jahren glaubte man, Deutschland hätte fertig gebaut. Erst seit ein paar Jahren wachsen die Großstädte. In Frankfurt sind es durch Geburtenüberschuss und Zuzug fast 15.000 Menschen zusätzlich pro Jahr. 2020 werden 100.000 Menschen mehr in der Stadt leben als prognostiziert.

          Inzwischen baut Frankfurt, fördert verstärkt Sozialwohnungen und vergibt Aufträge vermehrt an jene mit einem guten Konzept anstatt an Meistbietende. Kräne prägen das Stadtbild fast ebenso wie Hochhäuser. Doch all das reicht nicht. Es brauchte, um jährlich 15.000 neue Einwohner unterzubringen, 6000 bis 7000 Wohnungen. Gebaut wurden zuletzt jährlich aber nur etwa knapp 3500.

          Auch in Köln und Hamburg klagt man darüber: Man kann nicht so schnell bauen, wie man gerne wollte. Bundesweit gebe es bis 2020 einen Bedarf von 350.000 bis 400.000 Wohnungen jährlich, hieß es am Donnerstag vom Städte- und Gemeindebund. Bisher gelinge es nicht, diesen Bedarf zu decken. 2016 seien 278.000 Wohnungen fertiggestellt worden. Die Frage des bezahlbaren Wohnraums werde zum „sozialen Sprengstoff“, heißt es in einer Stellungnahme des Vorsitzenden des Städtebunds, Gerd Landsberg.

          Zwei Hessen, die nach Wien gereist sind, um dort zu lernen, sind der dortige SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel und Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef. Das Thema Wohnen dominiert den Landtagswahlkampf zumindest in Städten – in Nordhessen kämpfen Kommunen mit Leerstand. Regelmäßig wirft die SPD der Hessischen Landesregierung aus CDU und Grünen vor, sie habe in den 19 CDU-regierten Jahren alle Landeswohnbaugesellschaften bis auf eine privatisiert. Nur noch die Nassauische Heimstätte befindet sich in Landeshand – und auch deren Verkauf hatte die Regierung einst erwogen. Allerdings unterschied sich Hessen damit nicht von anderen Bundesländern.

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