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Niedersachsens Umweltminister : „Die Wölfe nähern sich auch den Menschen“

Zwei Wölfe im März 2016 auf einem Feld in Munster, Niedersachsen. Bild: dpa

Der Wolf wird sich schnell in ganz Deutschland ausbreiten, glaubt der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies – viel schneller, als es die offiziellen Zahlen glauben machten. Vor allem verliere er immer mehr seine Scheu vor den Menschen.

          Herr Minister, wie viele Wölfe leben in Deutschland?

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Wir gehen derzeit von knapp 150 Wölfen aus. Die Zählweise berücksichtigt aber nur erwachsene Wölfe. Mit den Jungtieren liegt der Bestand bereits bei 500.

          Wie schnell wächst der Bestand?

          Um etwa dreißig bis vierzig Prozent im Jahr.

          Was ist Ihre Kritik an der Erhebung der Bestandsgrößen?

          Alle sechs Jahre erstellt die EU-Kommission einen nationalen Flora-Fauna-Habitat-Bericht. Darin wird geprüft, wie der Erhaltungszustand der Arten ist. Im Prinzip ist das ein kluger Weg. Allerdings gibt es einige Fehler. Wenn man den nächsten Bericht im Jahr 2019 auf Grundlage der Zahlen von 2016 erstellt, wird das der stark steigenden Zahl der Wölfe überhaupt nicht gerecht. Wir werden uns auch künftig viel häufiger als alle sechs Jahre die Zahlen ansehen müssen. Und es macht wenig Sinn, sich bei der Zählung an nationalen Grenzen zu orientieren. Die deutsche Wolfspopulation und die polnische bilden wildbiologisch eine Einheit. Derzeit gibt es in beiden Ländern noch nicht einmal eine einheitliche Zählweise. Insgesamt finde ich, dass beim Umgang mit dem Artenschutz auch zwischen einem Raubtier und zum Beispiel einer Wiesenvogelart unterschieden werden muss.

          Die Größe des Bestandes ist nach EU-Recht entscheidend für den Umgang mit dem Wolf. Sie fahren in den kommenden Tagen nach Brüssel. Was ist Ihr Ziel?

          Angesichts der wachsenden Zahl von Wölfen müssen wir rechtzeitig in Management-Maßnahmen einsteigen können. Die Zielmarken des Artenschutzes sind vermutlich in wenigen Jahren überschritten. Daher müssen wir jetzt sehr rasch die Frage beantworten, wie wir mit einer stark steigenden Zahl von Wölfen umgehen, die mit unserer Kulturlandschaft immer weniger vereinbar sein wird.

          Politiker sprechen dann gerne von Wolfsmanagement oder letaler Entnahme. Gemeint ist damit der Abschuss, oder?

          Genau. Man kann die Wölfe nicht nur einfangen und woanders aussetzen. „Management“ meint auch töten. Wir sollten da auch mit den Begriffen ehrlich sein. Und eine Bejagung ist auch gar nichts Ungewöhnliches. Das passiert mit Schwarzwild, mit Rotwild, warum nicht auch mit dem Wolf, wenn es der Bestand erlaubt? Eine Bestandsregulierung ist nicht verwerflich.

          Wie hat man sich das mit dem Wolf langfristig in Deutschland vorzustellen? Wird er überhaupt hier leben, wo ja, wo nein, wird auf ihn geschossen werden?

          Der Wolf lebt bereits heute hier und wird hier auch weiter leben. Die Frage ist, wo er leben wird und ob die natürliche Distanz zum Menschen gegeben ist. Die Wölfe nähern sich immer wieder auch sehr auffällig den Menschen und dringen bis in Städte vor. Da stellt sich schon die Frage, wie stark die angebliche natürliche Scheu vor dem Menschen beim Wolf noch ausgeprägt ist. Wir sollten deshalb sehr rasch auch die Möglichkeit haben, Vergrämungsmaßnahmen zu ergreifen – Gummigeschosse, Warnschüsse oder was auch immer die Wissenschaft uns empfiehlt. Zum anderen haben wir mittlerweile erhebliche Zahlen von Nutztierrissen. Die Idee, dass der Wolf bei uns im Land lebt und sich nur von Wildtieren ernährt, funktioniert also offensichtlich nicht. Wir müssen deshalb den Herdenschutz verbessern und wir müssen dem Wolf auch Grenzen aufweisen.

          Bisher gibt es Wölfe vor allem im Osten und im Norden Deutschlands. Manche stellen schon die Frage, ob man die Belastungen nicht gerechter auf alle Länder verteilen sollte.

          Das wird der Wolf ganz alleine machen, er sucht sich selber seinen Lebensraum, er wird sich rasch in ganz Deutschland ausbreiten. Der Wolf wird damit zu einer bundesweiten Herausforderung, für die wir auch nationale Regeln brauchen. Ein gemeinsames, gesteuertes Vorgehen ist erforderlich.

          Gibt es Regionen, in denen Sie sich grundsätzlich keine Wölfe vorstellen können?

          An der Küste ist aus Gründen des Küstenschutzes eine Beweidung der Deiche durch Schafe wichtig. Allerdings ist die Vorstellung, unsere Deiche komplett wolfssicher einzäunen zu können, illusorisch. Wie sollte das gehen? Die erforderlichen Maßnahmen würden allein für einen kleinen Landkreis wie die Wesermarsch Investitionen in einem hohen zweistelligen Millionenbereich kosten. Letztlich sollten wir weniger in Regionen denken, sondern das Verhalten einzelner Rudel beobachten. In Niedersachsen soll es dazu ein Forschungsprojekt geben, bei dem wir mindestens ein Tier pro Rudel mit einem Sender versehen und dessen Bewegungen und Verhalten erforschen wollen.

          „Leider gibt es auch Menschen, die den Wolf bewusst zahm machen und anfüttern“, sagt der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies (SPD)

          Täuscht der Eindruck, dass sich mit dem Regierungswechsel von Rot-Grün zu Rot-Schwarz in Niedersachsen auch die Wolfspolitik gewandelt hat?

          In der Vergangenheit gab es die Annahme, dass Wolf und Mensch schon irgendwie miteinander klarkommen. So leicht kann man es sich nicht machen. Meine klare Haltung ist, dass der Schutz des Menschen die höchste Priorität hat und der Schutz von Weidetieren eine hohe Priorität. Wir müssen den Wolf konditionieren und ihm Grenzen setzen. Und wir können es uns nicht leisten, länger abzuwarten. Wenn die Zahl der Wölfe so stark wächst, sollten wir heute schon diejenigen Wölfe vergrämen und wenn erforderlich auch später töten können, die dem Menschen zu nahe kommen. Das ist keine Infragestellung des Wolfes, sondern eine Maßnahme, dem Wolf hierzulande eine Zukunft zu sichern. Wir wollen den Wolf schützen, daher brauchen wir auch die notwendige Akzeptanz.

          Glauben Sie, dass Menschen durch den Wolf zu Schaden kommen könnte?

          Wir können so etwas nicht ausschließen. Leider gibt es auch Menschen, die den Wolf bewusst zahm machen und anfüttern. Für diese falsch verstandenen Wolfsschützer sollten höhere Strafen eingeführt werden.

          Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie einem Wolf begegnen?

          Ich würde versuchen, in ruhiger Haltung zu verweilen und abzuwarten, bis der Wolf das Weite sucht.

          Die Fragen stellte Reinhard Bingener.

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