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Neujahrsempfang : Auch Wulff gehört zu Deutschland

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Der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler, Bundespräsident Christian Wulff mit Gattin Bettina und Kanzlerin Merkel, die es bei beiden Gastgebern bei einem Handschlag beließ, bevor sie für das Foto routiniert Zeigefinger und Daumen zusammengelegte Bild: Lüdecke, Matthias

Protokoll ohne Gnade: Auf dem Neujahrsempfang im Schloss Bellevue für die Spitzen des Staates macht der Bundespräsident gute Miene zum bösen Spiel. Ehefrau Bettina wirkt bisweilen irritiert, die Kanzlerin nüchtern.

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          Genau einen Monat, nachdem der Bundespräsident auf dem Weg zum Emir von Kuweit jene Nachricht auf der Mailbox des Chefredakteurs der „Bild“-Zeitung hinterlassen hatte, mit der er den am folgenden Tag erschienenen Bericht über den Privatkredit für sein Eigenheim verhin... ähem aufschieben wollte, empfing Christian Wulff im Schloss Bellevue verdiente Bürger, die Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen und die Spitzen des Staates zum Neujahrsempfang. An was immer das Staatsoberhaupt bei seinem jüngsten Fernsehinterview dachte, als er davon sprach, sein Amt gerne auszuüben, einen Termin wie jenen am Donnerstag im Langhanssaal konnte er nicht im Sinn gehabt haben.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Zweieinhalb Stunden standen Wulff und seine Frau Bettina für das Defilee keine drei Meter von einer Hundertschaft von Kameraleuten, Fotografen und Journalisten entfernt, schüttelten Hände, stellten sich zum Foto auf und tauschten - mutmaßlich - Freundlichkeiten aus. Mutmaßlich deshalb, weil die Distanz zwischen dem Präsidentenpaar und der Öffentlichkeit gerade so groß war, dass sich der Inhalt des Smalltalk von Gastgeber und Gästen allenfalls erahnen ließ.

          Konnte der Präsident zuletzt beim Empfang der Sternsinger noch selbstironisch Freude darüber bekunden, dass das öffentliche Interesse an seiner Amtsausübung diesmal größer sei als sonst üblich, verbot ihm diesmal das Protokoll jede joviale oder gar frotzelnde Geste. Der Präsident machte mit eiserner Disziplin gute Miene zum bösen Spiel, nur die First Lady blickte hin und wieder, wenn das Getuschel der Journalisten nicht zu ignorieren war, leicht irritiert in den Raum.

          Da das feierliche Vorbeischreiten der Ehrengäste mit der Zeit etwas langatmig wurde, begannen die Beobachter aufzuzählen, wer alles nicht erschienen war: einige demonstrativ wie die Anti-Korruptions-Organisation Transparency oder der Deutsche Journalistenverband, andere angeblich wegen Terminschwierigkeiten. Von SPD und Grüne fehlten die Partei- und Fraktionsvorsitzenden, von ihren Ministerpräsidenten erschienen nur Klaus Wowereit und Kurt Beck. Dass der Vorsitzende der Linkspartei Klaus Ernst sich wortkarg und verlegen lächelnd zwischen das Präsidentenpaar stellte, barg freilich eine eigene Komik.

          „Jederzeit willkommen - in der Bundespressekonferenz“

          Die Journalisten verlegten sich nun darauf, Stimmenimitator zu spielen. Könnte Peter Struck, der Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung, womöglich gesagt haben, Gabriel und Steinmeier hätten ihn an ihrer Statt vorgeschickt, weil es eine Staatskrise zu vermeiden gelte? Sagte Walter Hirche, Wulffs langjähriger stellvertretender Ministerpräsident in Niedersachsen, vielleicht, er habe ihn doch seinerzeit gewarnt: Berlin ist nicht Hannover?

          Erkundigte sich Ursula Lehr, einst Familienministerin im Kabinett Helmut Kohls und Mutter des derzeitigen Medienanwalts von Wulff, danach, ob ihr Sohn seine Arbeit auch ordentlich mache? Und sagte Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Wulff wirklich, auch der Bundespräsident gehöre zu Deutschland? Lippenlesen ist noch kein Unterrichtsfach an Journalistenschulen.

          Verbürgt ist jedenfalls, dass Gregor Mayntz, der Vorsitzende der Bundespressekonferenz, dem Präsidenten höflich ausrichtete, er sei jederzeit in seinem Hause willkommen. Nicht recherchieren ließ sich hingegen die Erwiderung des so Ermunterten. Es hatte bei der Hauptstadtpresse durchaus für Verärgerung gesorgt, dass Wulff es in der vergangenen Woche vorgezogen hatte, sich ausschließlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gleichsam in einem Staatsinterview zu den Vorwürfen gegen ihn zu äußern.

          Ein Bussi von Westerwelle

          Bemerkenswert schließlich der Umgang mit der First Lady: Constantin von Brandenstein-Zeppelin, der Präsident des Malteser-Hilfsdienstes, verdutzte sie mit einem Handkuss.

          Guido Westerwelle entschied sich gar für ein Bussi, links und rechts. Das Raunen im Raume kommentierte der Außenminister nicht ganz protokollgemäß: Wenn man sich möge, dürfe man das zeigen.

          Da stand die Kanzlerin schon neben der Präsidentengattin. Angela Merkel hatte sich bei beiden Gastgebern recht nüchtern für einen Handschlag entschieden, bevor sie beim Einzelfoto routiniert Zeigefinger und Daumen zusammengelegte. Krise hin oder her, das Karo muss sein.

          Bussi für Bettina Wulff: Diplomatische Geste von Außenminister Westerwelle

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