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Neujahrsansprachen : „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger...“

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Erst seit 1970 hält der Kanzler die Neujahrsansprache Bild: picture-alliance / dpa

Die Ansprache ans Volk zum Jahreswechsel hat Tradition. Wenn sich Bundespräsident oder Kanzler an die Bürger wenden, geht es nicht selten darum, sie auf Krisen einzustimmen. Ein Dauerthema hat mittlerweile seinen festen Platz: Die Arbeitslosigkeit.

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          Nur wenige Stunden vor dem Ende des Jahres wendet sich die Politik ans Volk, seit Jahrzehnten schon. Drohen Krisen, wird Klartext gesprochen: Die „lieben Landsleute“ müssten befürchten, dass es im kommenden Jahr „abwärts“ gehe mit Deutschland wegen der „gespannten finanziellen und wirtschaftlichen Situation“. Ernst blickte Heinrich Lübke dazu in die Kamera. Die Silvesteransprache 1966 hielt noch er, der Bundespräsident. Erst seit 1970 besetzt der Bundeskanzler diesen prominenten Sendeplatz – bis dahin sprach der stets zu Weihnachten.

          Lübkes Worte bezogen sich auf das erste wirtschaftliche Krisenjahr der Bundesrepublik. Nach hohen Wachstumsraten von fünf Prozent war die Konjunktur zum Jahresende 1966 derart eingebrochen, dass Kanzler Ludwig Erhard aufgeben musste. „Mahnungen und Warnungen von verantwortungsbewussten Sachkennern“ seien „als Kassandrarufe abgetan“ worden, ärgerte sich Lübke. „Aus der augenblicklichen Notlage können wir aber nur herauskommen, wenn wir unsere ganze Kraft, Sparsamkeit und Geduld dafür einsetzen, unsere Wirtschaft wieder in Ordnung zu bringen.“

          Knarren im Äther

          Die Wirtschaft schrumpfte 1967 um 0,3 Prozent – die erste Rezession der Bundesrepublik. Ein Jahr später folgte die Entwarnung des Bundeskanzlers: „Diese Bundesregierung, die Regierung der Großen Koalition, hat nun das Gröbste geschafft, das, was unverzüglich getan werden musste, vor allem die Verhinderung eines wirtschaftlichen Abstiegs und die Ordnung der öffentlichen Finanzen.“ So lobte Kurt Georg Kiesinger in seiner Weihnachtsansprache die eigene Arbeit.

          Jahre vergehen, Themen bestehen: Kanzler Kohl kurz vor einer Neujahrsansprache

          Die Rede der Regenten ans ganze Volk ist Brauchtum in Deutschland, seit es den Rundfunk gibt. Als es begann, litt die Mehrheit der Deutschen wirklich Not und gierte nach Trost. Am 25. Dezember 1923 um 20 Uhr zur Eröffnung des Abendprogramms der „Radiostunde AG“ aus dem Voxhaus Berlin knarrte durch den Äther der allererste dieser Grüße, dargebracht von Reichskanzler Wilhelm Marx. Der blasse Zentrums-Politiker war kein großer Redner, aber die Worte, die er live und mit köllschem Tonfall sprach, waren anrührend. Marx dankte dem Ausland für die Unterstützung der Notleidenden in Deutschland: „Diese Hilfsbereitschaft menschlich Denkender in allen Ländern der Welt ist wie ein Lichtzeichen, das uns Hoffnung leuchtet in der Finsternis.“

          Finster wurde es mit Hitlers letzter Neujahrsansprache

          Richtig finster war es, als Adolf Hitler seine letzte Neujahrsansprache hielt, am 31. Dezember 1944. Zur Einstimmung las der Schauspieler Heinrich George das politische Testament von Clausewitz vor. Hitler hatte nichts mehr anzukündigen, keine Militäroffensive, keine Wunderwaffe. Er ging auch nicht auf das Leiden der Ausgebombten ein, nuschelte nur, dass man den Sieg Deutschlands einmal „das Wunder des 20. Jahrhunderts“ nennen würde. Diese Neujahrsbotschaft war Hitlers vorletzte öffentliche Rede überhaupt.

          „Der Katalog der deutschen Not und Nöte ist unabsehbar. Wollte ich ihn reihen, so würde es eine Kette grauen Elends sein.“ So wurden die Bürger der Bundesrepublik das erste Mal zum Jahresende gegrüßt – von Bundespräsident Theodor Heuss am Silvesterabend 1949. „Noch nie war einem Volke, einem Parlament und einem Staat solche Last auferlegt.“ Doch nur drei Jahre später wünschte Heuss frohgemut – und erstmals auf dem Fernsehbildschirm – den Deutschen alles Gute für 1953. Im Jahr darauf schon empörte er sich über den Begriff Wirtschaftswunder, was damals „deutsches Wunder“ hieß. „Ich hasse dieses Wort und halte den Deutschen für töricht, der es nachredet, indem er sich selber ein bisschen für einen Wundertäter hält.“

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