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Neues Archiv : Gedächtnis des jüdischen Lebens

Hütet viele Akten: Archivleiter Ittai Joseph Tamari Bild: Philipp Rothe

In Heidelberg eröffnet ein neues Zentralarchiv, um das jüdische Leben nach 1945 zu dokumentieren. Für den Leiter zeigen die Bestände, „wie man aus dem Nichts wieder jüdisches Leben in Deutschland entwickeln konnte“.

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          Zur Dokumentation des jüdischen Lebens in Deutschland nach 1945 ist in Heidelberg am Dienstag ein neues Zentralarchiv eröffnet worden. „Das Zentralarchiv birgt einen Schatz, das Gedächtnis der jüdischen Gemeinden“, sagte Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Für die grün-schwarze Landesregierung von Baden-Württemberg nahm Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) an dem Festakt teil. „Ich bin froh, dass es für die Dokumentation des jüdischen Lebens in Deutschland nun ein modernes Archiv gibt, in dem das Archivgut sicher aufbewahrt und auch digitalisiert werden kann“, sagte Bauer der F.A.Z. Der neue Standort im Landfried-Komplex in der Nähe des Heidelberger Bahnhofs sei gut gewählt, weil jüdisches Leben in Deutschland in einem lebendigen Viertel „sichtbar“ werde.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Das Archiv wurde 1987 gegründet, nachdem der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) bei einer Gedenkfeier zur Befreiung der Konzentrationslager dem vom Zentralrat seit Jahren gewünschten Projekt seine Unterstützung zugesagt hatte. In den vergangenen Jahrzehnten war das Archivgut teils im Gebäude der Hochschule für Jüdische Studien, teils in einem Außenlager in der Kleinstadt Eppelheim untergebracht.

          2355 laufende Aktenmeter untergebracht

          Bei den Archivalien handelt es sich um Dokumente, die von den jüdischen Gemeinden abgeliefert werden, sowie Nachlässe jüdischer Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler und Privatpersonen. In dem Archiv finden sich Berichte von Überlebenden des Holocausts, Sterbeurkunden, Bücher aus privaten Bibliotheken, Briefe jüdischer Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, Akten über den Gesundheitszustand von Holocaust-Überlebenden in den Jahren nach 1945, Vorstandsprotokolle jüdischer Gemeinden und Akten jüdischer Studentenverbände, der Zentralen Wohlfahrtsstelle und natürlich des Zentralrats. Die Nachlässe von Autoren und Schriftstellern wie Joseph Wulf oder Barbara Honigmann finden sich ebenfalls in dem Heidelberger Archiv, das in einer ehemaligen Tabakfabrik untergebracht ist.

          Finanziert wird das Archiv mit Geldern des Bundesinnenministeriums, verwaltet wird es vom Zentralrat. Bei der Eröffnung ließ sich Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kurzfristig von seiner Staatssekretärin Anne Katrin Bohle vertreten. Für alle Historiker, die über das jüdische Leben in den ersten Nachkriegsjahren in der Bundesrepublik forschen, wird die Sammlung hilfreich sein.

          Derzeit arbeiten in dem Archiv 15 Mitarbeiter, 2355 laufende Aktenmeter sind dort untergebracht. Der Leiter des Archivs, Ittai Joseph Tamari, sagte am Dienstag, die Einrichtung sei „das Gedächtnis der jüdischen Existenz“ in Deutschland. „Wie man aus dem Nichts wieder jüdisches Leben in Deutschland entwickeln konnte – das spiegelt sich in den Beständen dieser Einrichtung.“

          Von 1905 bis 1938 lieferten die jüdischen Gemeinden ihre Dokumente an das Gesamtarchiv der deutschen Juden ab, die Nationalsozialisten beschlagnahmten die Akten und nutzten vor allem die personenbezogenen Daten zur „Abstammungsforschung“ und zur Verfolgung jüdischer Bürger. So sammelte das Reichssippenamt in Berlin zum Beispiel die hochsensiblen Familienstandsakten aus dem aufgelösten Gesamtarchiv. Durch den Krieg gelangten Teile des Archivs nach Russland, in die Vereinigten Staaten und nach Frankreich.

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