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Neues Sturmgewehr : Der Preis der Arroganz

Zehnte Panzerdivision in Sigmaringen mit dem G-36-Sturmgewehr Bild: dpa

Jahrelang hat man bei Heckler&Koch geglaubt, an ihren 1a-Sturmgewehren käme niemand vorbei. Nun will die Bundeswehr bei einer kleinen Manufaktur in Thüringen bestellen. Selbst schuld.

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          Fast fünf Jahre hat das Verteidigungsministerium gebraucht, um einen Nachfolger für das bewährte G-36 Sturmgewehr der Bundeswehr auszusuchen. Eine Entscheidung ist nun zugunsten eines Nischenunternehmens in Thüringen gefallen, das einer Holding in Abu Dhabi gehört, C.G. Haenel. Nach einigen Achtungserfolgen mit Gewehren für Polizei und Spezialkräfte in kleiner Stückzahl geht es nun um Zehntausende Sturmgewehre und mindestens eine Viertel Milliarde Euro.

          Für den unterlegenen Konkurrenten, die schwäbische Traditionsfirma Heckler&Koch, ist die Berliner Entscheidung ein schwerer Schlag, sowohl wirtschaftlich als auch für ihre Reputation. Denn es war bislang auch ihr Ruf als Dauerlieferant der deutschen Streitkräfte seit mehr als einem halben Jahrhundert, der das Unternehmen attraktiv und glaubwürdig machte, manchmal auch für die falschen Interessenten, etwa in Mexiko. Hinzu kommt, dass die Firma neuerdings in Investoren-Händen ist, die auch zu den großen Aktionären bei der Skandalfirma Wirecard gehören. Berater, die in diesem Zusammenhang aufgetaucht sind, werden nun auch bei Heckler&Koch genannt. Sicher hat das nicht dazu beigetragen, das Vertrauen in die Firma zu stärken.

          Zweifel bleiben

          Die Thüringer Firma C.G. Haenel hingegen hat mit ihrer Waffe die Kriterien der Bundeswehr erfüllt. Aber war sie die beste Waffe, oder nur die billigere im Wettbewerb? Wie sieht sie überhaupt aus, was kann sie genau? Zweifel bleiben auch, ob die Anforderungen der Ausschreibug überhaupt zweckmäßig waren, etwa was die Auswahl des relativ kleinen Kalibers betrifft. Versuche von Heckler&Koch daran etwas zu ändern, scheiterten kläglich. Dazu trug der besserwisserische Ton bei, mit dem die Oberndorfer sich auch in anderen Situationen unbeliebt gemacht haben. Der frühere Mehrheits- und jetzige Miteigner Andreas Heeschen sprach am Dienstag davon, der Firma werde der Auftrag „verweigert“, womit er abermals ein fragwürdiges Selbstverständnis vom Wesen einer öffentlichen Ausschreibung dokumentierte. 

          Die bloße Überzeugung, man fertige das beste Sturmgewehr der Welt, reichte jedenfalls nicht aus, um in einem politisch und medial heiklen Umfeld Erfolg zu haben. So präsentierte sich Heckler&Koch in den letzten Jahren als zerstrittene Truppe, rasch beleidigt, hoch verschuldet und in der irrigen Annahme, ein paar kleine Wahlkreisspenden würden schon den Rest regeln. Den falschen Beschuldigungen gegen das bisherige G-36 Sturmgewehr war man in Oberndorf nahezu wehrlos ausgeliefert. Statt Sachaufklärung wurden Verschwörungstheorien über Stasi-Seilschaften und ohnmächtiger Zorn verbreitet. Insofern ist die jetzige Beschlusslage für Heckler&Koch auch die Quittung für jahrelange Arroganz und Missmanagement.

          Das letzte Wort über das künftige Sturmgewehr der Streitkräfte ist aber noch nicht gesprochen. Diverse Rechtswege stehen noch offen. Suhl ist jetzt im Vorteil, aber Oberndorf hat noch nicht alles verloren.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

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