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„Neues Hambacher Fest“ : „Zeigen, dass unser Vaterland lebt“

Kämpfen mit Deutschlandfahnen: Teilnehmer des „Neuen Hambacher Festes“ in Neustadt an der Weinstraße Bilderstrecke

Nicht alle in Neustadt an der Weinstraße haben diesen Gesichtsausdruck. Als Otte fertig gesungen hat und die Wandergruppe sich durch den Ort schlängelt, bespritzt ein örtlicher Bauer sie mit Gülle. „Penner“, ruft einer der Wanderer, der Bauer ruft auch Sachen, die Polizei geht dazwischen. An einem Baum hat jemand ein Pappschild geklebt, „Scheiß Nazis“ steht darauf. Oben auf dem Schlossberg wartet die Antifa hinter Absperrgittern, Grüne und Vertreter eines „Regionalen Bündnisses gegen Rechts“. Ein Chor singt das hebräische Lied „Hevenu Shalom Alechem“, Frieden für alle, inmitten von nervösen Polizisten und krakelenden Demonstranten. Sanftmut gegen Hass, das soll die Botschaft sein. Eine Grüne, Elke Kimmle, hat auch eine Deutschlandfahne an ihrem Rucksack, wie die Wanderer auf der anderen Seite der Absperrung. Sie spricht von einem Versuch der Vereinnahmung des Hambacher Schlosses durch die Rechten.

Demonstranten gegen rechte „Okkupation“ des Schlosses

Auf einem Papierstück, das sie sich auf den Rücken geklebt hat, steht: „Rechte Patrioten – Totengräber der Demokratie“. Das Hambacher Schloss „ist mein Demokratiesymbol“, sagt Kimmle – nicht das der Rechten. Es sei 1832 um Demokratie und Liberalismus gegangen, und Rechtspopulisten wollten gerade das Gegenteil erreichen und seien „Rassisten“. Ihr Nebenmann, ein Vertreter der Partei „Neue Liberale“ namens Thomas Cohnen, spricht von einer „Okkupation“ des Schlosses. Die Rechten stünden nicht in der Tradition des Ortes. 1832 sei es auch um ein „konföderiertes Europa“ gegangen, eine Art europäische Bundesrepublik. „Fragen Sie mal Meuthen, wie er das findet“, sagt Cohnen. Oder: 1832 seien polnische Bürgerkriegsflüchtlinge unter den Demonstranten gewesen. „Das war Willkommenskultur 1.0, die Blaupause für heute“, sagt Cohnen. Das Verständnis von Schwarz-Rot-Gelb der heutigen Wanderer widerspreche dem der Demonstranten von damals. Der Populismus sei gerade eine Gefahr für die Demokratie. Und die damals geforderte Pressefreiheit werde von Rechtspopulisten heute doch gerade bekämpft. 

Widerspruch unter den Wanderern. Es gehe gerade nicht um Nationalismus oder Rassismus, heißt es dort. Die Linke habe ein ungesundes Verhältnis zu nationalen Symbolen wie der Deutschlandfahne, sagt Baumann. Die Gegner „können nicht differenzieren“, sagt ein Teilnehmer, der keiner Partei angehört. Man stehe sehr wohl in der Tradition von 1832. Die Gefahr sei heute nicht, vom Staat zensiert zu werden, sondern von Privatunternehmen wie Facebook. Schwarz-Rot-Gold habe nichts mit Chauvinismus zu tun, sondern mit „Spaß einer Nation anzugehören“. Er sei „gegen eine Schwächung des Rechtsstaates“. „Schauen Sie mal, hier gibt es Plakate gegen Fremdenhass“, sagt der Mann. Seine Frau fügt hinzu: „Ich bin Französin.“ Ein anderer stellt sich als halber Tscheche und halber Ungar vor.

So ziehen die Wanderer unversöhnlich an den ebenso unversöhnlichen Gegendemonstranten vorbei, hoch zum Schloss. Es sollen den ganzen Tag über Reden gehalten werden. Das Hambacher Schloss wird an diesem Tag noch von vielen beansprucht werden, von Rechten wie Linken. Den Teilnehmer von 1832 hätte dieser Streit um ihr Erbe wohl gefallen. Sie waren in ihrer Zeit umstritten und mussten Repressionen fürchten. Das muss 2018 – allen Analogien zum Trotz – niemand. Ganz gleich, auf welcher Seite der Absperrung sie an diesem Tag stehen.

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