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Neuer Militärbischof Franz-Josef Overbeck : „Ein radikaler Pazifismus hilft den Menschen nicht“

  • Aktualisiert am

Wird an diesem Freitag als neuer Militärbischof eingeführt: der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck Bild: dpa

Ein Jahr nach dem Rücktritt Walter Mixas gibt es wieder einen Militärbischof. Franz-Josef Overbeck im Gespräch mit der F.A.Z. über den Einsatz in Afghanistan, die Implosion der Kirche und die Achillesferse der Bundeswehrreform.

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          Bischof Overbeck, vor mehr als einem Jahr äußerte die damalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann, nichts sei gut in Afghanistan. Teilen Sie diese Einschätzung?

          Der Einsatz in Afghanistan hat sein Gewicht und seine Bedeutung darin, dass die Soldatinnen und Soldaten der internationalen Streitkräfte dafür eintreten, eine zivilisatorische Ordnung überhaupt erst zu ermöglichen. Freilich kam die Einsicht viel zu spät, dass das Land nicht wie eine westliche Demokratie funktioniert. Das hat viele Menschen das Leben gekostet.

          Wie also weiter in Afghanistan, zumal nach dem Tod des Al-Qaida-Führers Bin Ladin?

          Wegen der instabilen Sicherheitslage wird der Einsatz noch Leid und Tod auch über die deutschen Einsatzkräfte bringen. Gleichwohl sehe ich um der Menschen in Afghanistan willen keine Möglichkeit, sich in radikalpazifistischer Weise von diesem Einsatz zu distanzieren und zu sagen, wir ziehen uns einfach da raus. Deshalb habe ich schon vor meiner Ernennung zum Militärbischof die Bemerkung Frau Käßmanns kritisiert.

          Walter Mixa, Ihr unmittelbarer Vorgänger im Amt des Militärbischofs, äußerte schon im Jahr 2001 ethische Bedenken gegen das Vorgehen der Allianz in Afghanistan. Hat die Geschichte ihm recht gegeben?

          Auf Beschluss des deutschen Bundestages sind Soldaten der Bundeswehr im Rahmen des Isaf-Mandates in Afghanistan stationiert. Resolutionen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen bilden die Grundlagen für diesen Beschluss. Wir in der Bundesrepublik müssen lernen, Verantwortung für die Weltgesellschaft wahrzunehmen. An diesen Gedanken haben wir uns noch nicht gewöhnt, zumal wir die Konsequenzen, die eine solche Haltung zur Folge hat, nicht nur anderen Nationen aufbürden können.

          Die Deutsche Bischofskonferenz hat im Jahr 2000 die Möglichkeit eines gerechten Krieges verworfen und sich das Leitbild eines gerechten Friedens zu eigen gemacht. Unpolitische Schwärmerei oder zukunftsweisende Programmatik?

          Aus der Perspektive des gerechten Friedens hat das Militär nicht die Aufgabe, dem Krieg als dem Vater aller Dinge zu Diensten zu sein, sondern als Diener des Friedens und der Gerechtigkeit zu wirken. Deshalb kann eine Armee wie die Bundeswehr in Afghanistan nur agieren, wenn sie eine Sicherheitslage garantieren hilft, damit Friedens- und Gerechtigkeitsbedingungen geschaffen werden. Insofern ist die Leitidee „Gerechter Friede“ höchst politisch.

          Dient es dem gerechten Frieden, dass die Nato in Libyen Kampfeinsätze fliegt, aber Assad in Syrien gewähren lässt?

          Natürlich liegt in diesem Fall die Vermutung nahe, dass auch wirtschaftliche Interessen hier eine Rolle spielen. Auf der anderen Seite glaube ich, dass es kulturelle und historische Zusammenhänge gibt, aus denen sich bestimmte Formen der Verantwortlichkeit ergeben. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs etwa halte ich es für richtig, dass sich Deutschland in Libyen nicht militärisch engagiert.

          Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich die Bundeswehr von einer Territorialverteidigungsarmee in eine Einsatzarmee verwandelt. Wie hat das die Militärseelsorge verändert?

          Die Militärseelsorge war bis vor kurzem eine Seelsorge an den Standorten und umfasste alle Lebenszusammenhänge bis hin zum Sonntagsgottesdienst der Soldaten und ihrer Familien. Damit ist es vorbei. Heute differenziert sich Seelsorge in die Begleitung im Einsatz und in eine Seelsorge an den Familien vor Ort. Aber faktisch nur noch während der Woche, nicht mehr am Wochenende.

          Was der Militärbischof wegen der stetig sinkenden Zahl von Priestern in der Militärseelsorge nicht bedauern dürfte...

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