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Neuer Leitfaden : Wie auf Missbrauchsfälle künftig reagiert werden soll

Bei der Aufarbeitung in Fällen in der Kirche wurde der Zugang zum Archiv beschränkt (Symbolbild) Bild: dpa

Wie soll ein Sportverein reagieren, wenn ein Jugendlicher von Missbrauch durch einen Trainer berichtet? Eine Kommission hat einen Leitfaden erarbeitet. Diesen sollen sich viele Institutionen zu Eigen machen – auch die Kirchen.

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          Es ist der Albtraum jedes Sportvereins, jeder Schule und jeder Kita, von den Kirchen ganz zu schweigen: ein Missbrauch in der eigenen Institution. Schulen wie das Canisius-Kolleg in Berlin und andere Institutionen haben sich nach der Konfrontation mit den Missbrauchsfällen nach Beobachtung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs häufig in die Prävention geflüchtet. Die verborgene Geschichte eines Missbrauchs wirke unmittelbar in die Gegenwart, deshalb müsse eine Institution auch in die eigene Vergangenheit blicken, so schwer das auch sei, sagt die Vorsitzende der Kommission, die Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Am Dienstag sind in Berlin Vertreter zahlreicher Institutionen zusammengekommen, um die Empfehlungen der Kommission entgegenzunehmen und sich darauf vorzubereiten, dass ein Missbrauchsfall auch sei betreffen kann.

          Wie soll etwa ein Sportverein reagieren, wenn ein Jugendlicher von einem Missbrauch durch einen Trainer berichtet? Zuhören ohne abzuwehren, sei die erste Pflicht. Der Bericht eines Betroffenen müsse unbedingt ernstgenommen werden, bekräftigt Andresen. Im Vorstand gelte es dann zu überlegen, was das für die Institution bedeute und was zu tun sein. In den meisten Fällen sind es gar nicht Betroffene, die sich melden, viele wollen auch das Schweigen nicht brechen, weil sie Angst vor einer Retraumatisierung haben. Auch diesen Wunsch Betroffener gelte es unbedingt zu berücksichtigen, sagt Matthias Katsch, der zu denen gehört, die den Missbrauch am Canisius-Kolleg betroffen waren.

          Eine Checkliste, kein Rezeptbuch

          Weil die meisten Institutionen mit einer komplexen Aufarbeitung völlig überfordert sind, hat die Kommission jetzt eine Checkliste vorgelegt, die auch von kleinen Institutionen wie einem Sportverein auf dem Land zu beachten sind. Die Checkliste sei allerdings kein Rezeptbuch, warnten die Kommissionsmitglieder. Sie wollen es als Leitfaden für all das verstanden wissen, was bei einer Aufarbeitung zu bedenken ist – von den rechtlichen Fragen bis hin zu den publizistischen.

          Die Rechte der Betroffenen müssen verwirklicht werden, indem sie beteiligt und angehört werden – sei es mündlich oder in einem Bericht, fordert die Kommission. Bei der unabhängigen Kommission selbst haben sich inzwischen 1500 Betroffene gemeldet, um die 2000 sind es insgesamt.

          Für die Aufarbeitung müssen Ressourcen bereitgestellt werden, auch finanziell abgesicherte Hilfs- und Begleitungsangebote. Vor der Aufarbeitung müssten die Rollen der Beteiligten geklärt werden. Am besten gibt eine unabhängige Anlaufstelle Betroffenen die Möglichkeit eines anonymen Erstkontakts und dient als externe Beschwerdestelle. Ein Beirat sollte den Aufarbeitungsprozess kritisch begleiten. Das Aufarbeitungsteam selbst müsse aus mindestens zwei Personen bestehen, die den Prozess kompetent und unabhängig leiten, sensibel im Umgang mit Interessenkonflikten agierten, über multidisziplinäres Fachwissen verfügten und erfahren in der Arbeit mit Betroffenen und Aufarbeitungsprozessen sein.

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