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Neuer Leitfaden : Wie auf Missbrauchsfälle künftig reagiert werden soll

Der Gegenstand und die Laufzeit der Untersuchung müssten vertraglich festgelegt werden und auch die Unabhängigkeit ist klar zu regeln. Vor allem aber muss nach Auffassung der Kommission der Zugang zu Akten, Dokumenten, sowie Aktenplänen garantiert sein. Das war etwa bei kirchlichen Missbrauchsfällen überhaupt nicht der Fall. Häufig handelte es sich um Personalakten, oft genug waren die Akten zerstört oder beseitigt worden. Eine Archivsäuberung habe man in vielen Fällen nicht verhindern können, sagte die frühere Richterin und Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt Brigitte Tilmann, die der Kommission ebenfalls angehört. Das gelte etwa für die Odenwaldschule, in der das Archiv nicht einmal verschlossen war, aber auch für kirchliche Archive, in denen oft völliges Chaos herrsche. Vor allem den Betroffenen muss der Zugang zu den eigenen Akten garantiert werden.

Besonders heikel wird es für die meisten Institutionen noch einmal dann, wenn ein Bericht über den Missbrauch in der Vergangenheit veröffentlicht werden soll. Die Versuchung, solche Berichte eigenmächtig zu ändern oder gar zu zensieren, ist groß. Es müsse aber vereinbart werden, dass solche Zensurmaßnahmen ausgeschlossen seien.

Außerdem müsse die Auswertung der gesammelten Informationen, die das Ausmaß des sexuellen Kindesmissbrauchs und die Strukturen betreffen, die ihn ermöglicht oder begünstigt haben einem klaren Muster folgen: der individuell-biographischen Perspektive, der organisationsanalytischen Perspektive und der historisch-diskursbezogenen. Dafür muss auch geklärt sein, wie Informationen anonymisiert und pseudonymisiert werden, um die Identität von Betroffenen und Zeitzeugen zu schützen.

Das Aufarbeitungsteam kann auch öffentliche Anhörungen oder Gesprächsrunden anberaumen und sollte Empfehlungen zu Prävention und Formen der Anerkennung aussprechen. Außerdem rät die Kommission dazu, die Öffentlichkeit durch regelmäßige Berichte zu informieren und Medien als stärkende Partner anzuerkennen.

Von Anfang an Rechtsfragen mitdenken

Dabei stellt sich auch die Frage, ob von Tätern oder von „Beschuldigten“ die Rede sein soll, wie das im großen Bericht der katholischen Kirche der Fall ist.  Betroffene sollten im Kontakt mit Medienvertretern sorgfältig begleitet werden, weil Fragen häufig auch Retraumatisierungen zur Folge haben. Ein Zwischenbericht könne eine erste Bilanz liefern.

Besonders wichtig ist, dass von vornherein auch die Rechtsfragen mitbedacht werden, also eine anwaltliche Beratung eingeholt wird, es ein Datenschutzkonzept für Betroffene und Zeitzeugen gibt und diese um Zustimmung zur Verwendung ihrer Daten gebeten werden.

Doch das ist längst nicht alles, auch das Risiko und die Auswirkungen einer Strafanzeige wegen Verleumdung oder einer Verleumdungsklage sind zu bedenken. Außerdem muss es klare Vorstellungen darüber geben, wie mit nicht verjährten Fällen umgegangen wird. Und schließlich ist zu bedenken, wie aktuelle Verdachtsfälle auf sexuellen Kindesmissbrauch zu behandeln sind.

Ein gelungener Aufarbeitungsprozess fordert viel Fingerspitzengefühl von allen Beteiligten, daran ließ die Kommission keinen Zweifel und sie machte auch klar, dass mit einer verpassten Aufarbeitung die Existenz einer ganzen Institution aufs Spiel gesetzt werden kann. Die Odenwaldschule ist dafür nur ein Beispiel. Ihre Geschichte hat in Hessen dazu geführt, dass es schon länger klare Handlungsanweisungen für Schulen und Kitas im Umgang mit sexuellem Missbrauch gibt.

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