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Neuer Lagebericht : Berlin bleibt Hauptstadt der organisierten Kriminalität

Einsatz gegen organisierte Kriminalität: Vermummte Einsatzkräfte stehen vor einem Kiosk im Stadtteil Neukölln Bild: dpa

Organisierte Verbrecherbanden sind vor allem in der deutschen Hauptstadt besonders aktiv. Das geht aus einem neuen Lagebild der Ermittler hervor. Doch noch etwas anderes macht den Behörden Sorgen.

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          Die Hauptstadt bleibt weiter eine Hochburg organisierter Verbrecherbanden in Deutschland. Das zeigt das Lagebild Organisierte Kriminalität, das am Mittwoch erstmals für Berlin vorgestellt wurde. Von den 535 Ermittlungskomplexen, die es 2018 in Deutschland gab, entfielen 59 auf Berlin – mehr gab es nur in den weit größeren Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Bayern. Dabei dominieren in Berlin weiterhin Banden aus dem russisch-eurasischen Raum, unter ihnen sind auch tschetschenische Gruppen. Diese zeichneten sich neben dem Ziel der „Gewinnmaximierung“ durch eine hohe Gewaltbereitschaft aus. Charakteristisch sei auch eine Gleichgültigkeit gegenüber unbeteiligten Personen, etwa durch Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit. Innensenator Andreas Geisel (SPD), der das Lagebild zusammen mit Polizeipräsidentin Barbara Slowik vorstellte, versprach, den Verfolgungsdruck zu erhöhen. „Wir dulden in Berlin keine auf der Straße ausgetragenen Macht- oder Revierkämpfe, bei denen unschuldige Opfer billigend hingenommen werden“, sagte Geisel.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Neben den Tätergruppen aus der ehemaligen Sowjetunion sind in Berlin Gruppierungen aus dem Feld der Clankriminalität stark vertreten, das Täter aus Großfamilien arabischer und kurdisch-libanesischer Herkunft umfasst. Sie fielen vor allem durch Eigentumskriminalität auf. Im Frühjahr 2020 will die Berliner Polizei eine gesonderte Analyse zur Clankriminalität vorstellen. Insgesamt gab es in den 59 Ermittlungskomplexen 462 Tatverdächtige. Der festgestellte Gesamtschaden betrug fast 100 Millionen Euro, dabei wurden kriminelle Erträge von mehr als 16 Millionen Euro erwirtschaftet. Vermögenswerte von rund zwölf Millionen Euro konnten vorläufig gesichert werden, wobei die Beschlagnahme von 77 Immobilien einer Clanfamilie im Wert von mehr als 9,3 Millionen Euro den Großteil ausmachte.

          Berlins Innensenator Andreas Geisel und Polizeipräsidentin Barbara Slowik bei der Vorstellung des neuen Lagebilds zur Organisierten Kriminalität

          An erster Stelle lag weiterhin die Eigentumskriminalität, die 17 Verfahren und damit knapp ein Drittel aller Komplexe ausmachte, wobei der Wohnungseinbruch keine Rolle spielte. Fast ebenso viele, nämlich 16 Verfahren, entfallen auf den Handel und den Schmuggel von Rauschgift, die weiter zunahmen. Dabei geht es vor allem um Kokain, es machte mehr als 56 Prozent des Handels und Schmuggels aus. Man erlebe gerade bundes- und europaweit „eine Kokainschwemme ungeahnten Ausmaßes“, sagte Sebastian Laudan, Abteilungsleiter im Landeskriminalamt Berlin, bei der Vorstellung des Lageberichts. Es gehe dabei um Mengen, die man sich vor Jahren noch nicht habe vorstellen können. Berlin sei sowohl Umschlagplatz als auch Zielort des internationalen Rauschgiftschmuggels und -handels. Die Drogenkriminalität sei weiterhin „das Schmiermittel der organisierten Kriminalität“. Als Tätergruppen taten sich hier Deutsche, Türken und libanesisch dominierte Gruppen hervor, wobei sie oft „deliktübergreifend“ auch in der Eigentums- und Gewaltkriminalität auffällig waren.

          Fast zwei von drei Tatverdächtigen hatten eine ausländische Staatsangehörigkeit. Bei rund neun Prozent der deutschen Tatverdächtigen lag eine Geburtsurkunde mit einer anderen Staatsangehörigkeit vor. Bei den ausländischen Tatverdächtigen waren Bulgaren, Türken, Polen, Russen, Ukrainer, Litauer und Serben die häufigsten Nationalitäten. Etwa jeder zehnte Tatverdächtige war bewaffnet. Hinter der Eigentums- und der Rauschgiftkriminalität folgen Kriminalität im Zusammenhang mit Prostitution und Fälschungskriminalität als wichtigste Bereiche. Mehr als sechzig Prozent der Tätergruppen agierten laut dem Lagebericht international.

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