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Neuer „Aktionsplan“ : Volle Kontrolle über die Pandemie?

Vorbereitungen für Corona-Tests in der spanischen Stadt Badajoz. Bild: dpa

Mehrere Wissenschaftler entwickeln Ideen, wie man das Coronavirus auch über Staatsgrenzen hinweg in Schach halten kann. So sollen Ansteckungen durch abgestimmtes Handeln verhindert werden. Kann das gelingen?

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          „Achtzig Prozent des Einbruchs beim Konsum sind nicht auf den Lockdown zurückzuführen, sondern auf die starke Verbreitung des Virus.“ Mit diesen Worten – und den entsprechenden Verweisen auf die wissenschaftliche Evidenz in der ökonomischen Fachliteratur – leitete der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Clemens Fuest, die virtuelle Vorstellung eines „Aktionsplans für einen europaweit koordinierten Schutz vor neuen Sars-CoV-2-Varianten“ ein. Für Fuest wie für die beiden Autorinnen und Initiatorinnen des Papiers, die Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann und die Virologin Melanie Brinkmann von der Helmholtz-Gesellschaft, steht derzeit an erster Stelle, die Neuinfektionszahlen möglichst in ganz Europa drastisch zu verringern.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das könne auch schrittweise geschehen, etwa durch Absprachen mit dem großen Nachbarn Frankreich. Entscheidend aber sei, dass die Inzidenz möglichst konsequent und aufeinander abgestimmt auf deutlich unter die politisch avisierten wöchentlich 50 Fälle pro hunderttausend Einwohner herabgesetzt werde – und damit die Möglichkeit von Reiseverkehr und grenzüberschreitenden Kontakten schnell wiederhergestellt werde.

          Mutierte Viren ein großes Problem

          „Ich halte diesen Ansatz für zutiefst vereinbar mit den europäischen Zielen und auch für realistisch“, sagte Fuest. Die europäischen Regierungen müssten deshalb zusammen überlegen, wie es mit den Maßnahmen weitergeht. Priesemann wies darauf hin, dass es dazu noch viele Einzelmaßnahmen für die Virus-Eindämmung jenseits eines Lockdowns gibt, die bisher völlig unzureichend genutzt würden. Etwa die Regelungen von Quarantäne, die Kontaktnachverfolgung in vielen Ländern – insbesondere auch mit Corona-Apps – oder die Ausweitung der Teststrategien mit Schnelltests und verbraucherfreundlichen Heimtests. „Keiner von uns will brachiale Maßnahmen wie den Lockdown, wir sind für gezielte Einzelmaßnahmen, die auch wirken“, sagte Brinkmann.

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          Die Braunschweiger Virologin kündigte zudem ein weiteres Konzeptpapier „NoCovid 2.0“ für die nächsten Tage an, in dem ein Werkzeugkoffer verschiedener noch ungenutzter Maßnahmen zur Viruseindämmung vorgeschlagen werden soll. „Ein kompletter Shutdown der Wirtschaft ist bei uns nicht vorgesehen“, sagte sie und grenzte sich damit von dem internationalen „ZeroCovid“- Konzept ab. Auch Fuest betonte, dass das Herunterfahren der Wirtschaft kontraproduktiv wäre. Er warnte aber auch: „Wir können die Wirtschaft nicht retten, indem wir sie einfach wieder offen lassen.“

          Anlass für den Aktionsplan ist die wahrscheinliche Ausbreitung neuer, ansteckenderer Sars-CoV-2-Varianten, die eine möglichst schnelle Reaktion erforderlich machen. Mit vier Kernmaßnahmen, die unter anderem vorläufige Reisebeschränkungen und strengere Test- und Quarantäneforderungen enthalten, zielt die Gruppe, zu der neben Naturwissenschaftlern und Ökonomen auch der Tübinger Soziologe Armin Nassehi zählt, auf mehr Stabilität und Freiheiten dank flächendeckend niedriger Infektionsraten. „Dass wir die Fallzahlen stabilisieren können, haben wir gezeigt, es ist aber ein offenbar weitverbreitetes Missverständnis, dass es leichter sei, hohe Fallzahlen zu stabilisieren“, sagte Priesemann. Es brauche viel weniger Anstrengung, um die Fallzahlen auf niedrigem Niveau stabil zu halten und damit die volle Kontrolle über die Pandemie, insbesondere bei einer Ausbreitung der neuen Varianten, zu behalten. Priesemann sagte, halbe Kontrolle gebe es nicht.

          Das größte Problem derzeit seien mögliche Einschleppungen von mutierten Viren. Die Reproduktionsrate der Variante aus Südengland, über die man inzwischen am meisten wisse und die weltweit schon am stärksten verbreitet sei, liege etwa 0,3 bis 0,4 über dem Wert des ursprünglichen Virustyps. Damit sei die Vermehrung schwerer zu stoppen. Allerdings mache der Kurvenverlauf in den von der Variante schon stärker betroffenen Ländern wie Irland und England inzwischen Hoffnung: „Es zeigt sich, dass mit strikten Maßnahmen auch die Mutanten grundsätzlich kontrolliert werden können“, sagte Priesemann.

          Wenn es gelingt, die Fallzahlen in Deutschland weiter zu verringern, sei man in wenigen Wochen auf einem Niveau, bei dem es nur noch darum gehe, lokale Ausbruchsherde so früh wie möglich einzudämmen. Sollten künftig mehr Instrumente zur Kontrolle des Virus genutzt und europaweit gezielt angewendet werden, könne auch wieder ohne Angst vor den Mutanten Reiseverkehr möglich sein.

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