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Neue Strategie des RKI : Erkältung genügt nicht für Corona-Test

  • Aktualisiert am

Gesundheitsminister Jens Spahn und RKI-Vizepräsident Lars Schaade (rechts) verlassen die Bundespressekonferenz. Bild: dpa

Nicht bei jedem Patienten mit Erkältungssymptomen kann noch ein Corona-Test gemacht werden. Denn die Kapazitätsgrenze ist erreicht. Das Robert-Koch-Institut gibt deshalb eine neue Teststrategie vor.

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          Der Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, Lars Schaade, hat am Dienstag in Berlin eine neue Teststrategie bei Corona-Verdachtsfällen angekündigt. Wenn alle Patienten mit Erkältungssymptomen auf Corona getestet würden, brauche man jede Woche mehr als drei Millionen Tests. „Das ist weder möglich noch erforderlich“, sagte Schaade. Um möglichst zielgerichtet vorzugehen, sollen Ärzte nur noch testen, wenn mehrere Symptome wie hohes Fieber, Husten und Verlust des Geruchs- oder Geschmackssinns zusammenkommen, wenn die Patienten zur Risikogruppe gehören oder Kontakt mit einem Infizierten hatten. Um sofort eine Einschätzung vornehmen zu können, sollten zunehmend Antigentests eingesetzt werden.

          Eine neue Teststrategie unterstützt der Verband der Labormediziner ALM (Akkreditierte Labore in der Medizin) ausdrücklich. Seinem Vorsitzenden Michael Müller zufolge sind die Testkapazitäten in Deutschland praktisch ausgeschöpft. „Wir haben die rote Ampel eigentlich überfahren“, sagte Müller. Es sei gut, dass die Tests jetzt auf das nötige und sinnvolle Maß zurückgeführt würden.

          Corona-App 21,6 Millionen Mal installiert

          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nannte die Pandemie „eine echte Mammutaufgabe für uns als Regierung und für jede und jeden einzelnen in der Gesellschaft“. Der „Höhepunkt“ der Pandemie sei noch längst nicht erreicht, „das wird, das ist ein harter November“. Bei der Infektionslage in Deutschland gebe es „nichts zu beschönigen“, so Spahn. Die Zahl der Infizierten steige exponentiell, und auch die Zahl derjenigen, die wegen einer Covid-19-Erkrankung beatmet werden müssten, steige „stark, zu stark“. Spahn verteidigte die Corona-Maßnahmen, die seit Montag gelten und oft als „Lockdown light“ bezeichnet werden. Um die Pandemie „im Griff zu behalten, mussten wir die Notbremse ziehen“.

          Spahn appellierte direkt an die Bürger, die Bemühungen zur Eindämmung der Pandemie zu unterstützen: „Auf Sie ganz persönlich kommt es an.“ Jeder könne einen Unterschied machen. „Wir wissen, wie es geht.“ Spahn dankte insbesondere Pflegerinnen und Pflegern, Reinigungskräften und Ärzten. Sie nannte er „die Helden unserer Zeit“.

          Spahn will sich dafür einsetzen, dass Quarantäne- und Testregeln einheitlich angewendet werden. Vor allem in Ballungszentren sind viele Gesundheitsämter so überlastet, dass sie kaum noch erreichbar sind und Arbeitnehmer in Quarantäne keine Bescheinigungen mehr bekommen. Von ihren Hausärzten werden sie für eine Quarantäne auch nicht mehr krankgeschrieben. Angepasst wird auch die Quarantäneverordnung für Rückkehrer aus Risikogebieten, die sich künftig zehn statt vierzehn Tage isolieren müssen.

          Die Corona-Warn-App ist inzwischen fast 21,6 Millionen Mal heruntergeladen worden. „Wir sehen auch immer mehr Nutzer, die ihr positives Testergebnis teilen“, sagte Spahn. So gebe es mehr Verbindlichkeit, ohne die App verpflichtend zu machen. Das halte er auch nicht für praktikabel.

          Die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung sagte, „es wäre besser gewesen, die Welle früher zu brechen“. Sie ist davon überzeugt, dass viele Einschränkungen auch über den November hinaus gelten werden: „Wir haben den Sommer damit verschwendet, darüber zu diskutieren, wie gefährlich das Virus eigentlich ist“. Auch bei der Prävention gebe es noch viel Luft nach oben, etwa bei der Schnelligkeit der Kontaktverfolgung. Ziel müsse es sei, die Intensivbetten gar nicht erst zu füllen.

          Brinkmann zeigte wenig Verständnis für jene, die die Notwendigkeit von Corona-Maßnahmen dauernd in Frage stellen: „Ich sage ja auch nicht, wir brauchen keine Anschnallpflicht mehr, weil unsere Chirurgen es echt gut drauf haben, die Patienten wieder zusammenzuflicken.“

          Der Präsident der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Uwe Janssens, verwies auf das fehlende Fachpersonal auf den Intensivstationen und forderte eine Aussetzung des Regelbetriebs an den Krankenhäusern und einen schrittweisen Notfallbetrieb mit Ausfallerstattungen durch den Staat. Spahn sicherte den Krankenhäusern umfassende Unterstützung zu. „Diese Jahrhundertpandemie erfordert besonders in einem Bereich eine nationale Kraftanstrengung“, sagte der Minister mit Blick auf das Gesundheitswesen. „Keine Klinik soll wegen Corona wirtschaftlich benachteiligt sein.“

          400.000 Infektionen an einem Tag?

          RKI-Vizepräsident Schaade appellierte an alle Bürger, die Einschränkungen ernst zu nehmen. Wenn das Virus sich unkontrolliert ausbreite, drohten bis Weihnachten mehr als 400.000 gemeldete Infektionen pro Tag. Die Ansteckungsrate muss dem RKI zufolge für längere Zeit deutlich unter eins gedrückt werden. Ziel könne etwa eine Größe von 0,7 sein, sagte Schaade. „Dann sind wir wieder in einem Bereich, den wir kontrollieren können.“

          Die Infektionsrate drückt aus, wie viele weitere Menschen ein Infizierter ansteckt. Derzeit liegt die Rate über eins, das bedeutet, dass ein Infizierter statistisch mehr als eine weitere Person ansteckt.

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