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F.A.Z. Exklusiv : Wer die AfD wählt, kennt kaum Ausländer

AfD-Anhänger im Juli 2019 in Cottbus Bild: EPA

Die migrationskritische Partei ist vor allem dort stark, wo wenige Migranten leben. Das belegt eine neue Studie. Doch es gibt eine Ausnahme.

          2 Min.

          Sucht man Belege dafür, dass die AfD Ausländern grundsätzlich ablehnend und bisweilen sogar offen feindselig gegenübersteht, wird man rasch fündig. Im Landkreis Rostock wollte die AfD vor einigen Wochen wegen „Überfremdung“ den Notstand erklären lassen. Im niedersächsischen Landtag verlangte kürzlich ein Abgeordneter der Partei, die Bundeswehr solle bei Abschiebungen helfen. Die hessische Landtagsfraktion warnte dieser Tage in einem Bericht: „Bald gibt es in den Städten keine deutsche Mehrheitsgesellschaft mehr.“ In Kenntnis dieser Forderungen läge der Schluss nahe, dass vor allem jene Wahlberechtigten ihr Kreuz bei der AfD machen müssten, die von besonders vielen Ausländern umgeben sind und sich in ihrer kulturellen Identität bedroht fühlen. Doch das Gegenteil ist der Fall.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          In einer neuen Studie des Mercator Forums Migration und Demokratie an der TU Dresden in Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen wird deutlich, dass die Partei vor allem dort stark ist, wo besonders wenige Ausländer leben. Die Studie, die am Mittwoch vorgestellt werden soll, liegt der F.A.Z. bereits vor. Demnach zeigt eine Auswertung der Ergebnisse der Bundestagswahl 2017, bei der die AfD 12,6 Prozent der Stimmen erhielt, dass die AfD dort umso erfolgreicher war, je weniger Ausländer von außerhalb der Europäischen Union in dem Gebiet lebten. Die Wissenschaftler konnten das nicht nur auf der Ebene der Städte und Landkreise nachweisen, sondern auch für die Gemeinden. „Die bloße Präsenz von Migrantengruppen begünstigt also kein starkes AfD-Wahlergebnis, sondern vermindert es“, heißt es in der Studie.

          Liegt der Ausländeranteil um einen Prozentpunkt höher, fuhr die AfD ein um 0,15 Prozentpunkte schlechteres Ergebnis ein. Bei den Gemeinden ist dieser Trend vor allem in dünn besiedelten Gebieten deutlich. Dort verringert ein entsprechender Anstieg der Migranten den Stimmenanteil der Rechtspopulisten sogar um 0,34 Prozentpunkte. Die Autoren der Studie führen dieses Phänomen auf die sogenannte Kontakthypothese aus den Sozialwissenschaften zurück. Sie besagt, dass negative Einstellungen der Bevölkerung gegenüber einer bestimmten Gruppe dann zurückgehen, wenn die Bürger mehr Kontakt zu Vertretern der entsprechenden Gruppe haben. 

          Im Osten weniger Aufgeschlossenheit

          Es gibt nach den Erkenntnissen der Forscher jedoch einen speziellen Fall, in dem eine stärkere Präsenz von Zuwanderern ein höheres AfD-Wahlergebnis begünstigt. Nämlich dann, wenn es einen schnellen Anstieg der Zuwanderung von außerhalb Europas gab. Das gelte insbesondere für Orte, in denen bis dahin nur ein geringer Anteil von Migranten lebte. Steigt ihr Anteil dann um einen Prozentpunkt, führt das zu einem um 0,9 Prozentpunkte besseren Abschneiden der AfD bei Wahlen. Dieser Befund widerspricht der Kontakthypothese, deckt sich aber mit den Annahmen einer anderen Perspektive. Die „Group Threat“-Vermutung besagt, dass eine fremde Minderheit vor allem dann gefürchtet wird, wenn sie als Bedrohung für den eigenen Wohlstand angesehen wird. Das könne der Fall sein, wenn – wie die Studie zeigt – in einem Ort mit bislang nur wenigen Migranten plötzlich einige wenige hinzukommen.

          Darüber hinaus stellten die Wissenschaftler fest, dass Deutschland – wie auch Europa – zweigeteilt ist, wenn es um die Haltung der Menschen gegenüber Ausländern von außerhalb der Union geht. Ganz grundsätzlich gilt, dass die Aufgeschlossenheit in Westdeutschland größer ist als in Ostdeutschland und in Westeuropa größer als in Osteuropa. Allerdings steht die Bundesrepublik da statistisch besser da als gedacht. In Ostdeutschland entspricht die Ablehnung in etwa dem Niveau, das für Westeuropa insgesamt gilt. In Westdeutschland wiederum sind die Einstellungen positiver als im Westen des Kontinents; in Mittel- und Osteuropa sind sie dagegen besonders negativ.

          „Was die Einstellung zu Migration angeht, gehört Ostdeutschland genauso wenig zu Osteuropa wie Westdeutschland zu Westeuropa“, sagt Hans Vorländer. Er ist Professor für Politikwissenschaft an der Technischen Universität Dresden und leitet das Forschungsprojekt.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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