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Neue Studie : Hausaufgaben machen die Klugen klüger – und die Dummen dümmer

Die vorliegenden Studien zur Hausaufgabenforschung sind widersprüchlich. Bild: dpa

Hilft es Kindern, wenn Eltern bei den Hausaufgaben helfen? Zu viel Druck schadet, das haben Forscher rausgefunden. Neue Studien geben Hinweise, wie sich Eltern am besten verhalten.

          Kaum etwas stiftet in Familien mehr Streit als der tägliche Kampf um die Hausaufgaben. Während manche Eltern unweigerlich zu Hilfslehrern in den eigenen vier Wänden mutieren, mit Internet- und Fernsehentzug drohen und Ultimaten verkünden, kümmern sich andere überhaupt nicht um die Hausaufgaben. Nicht immer sind das die Eltern von begabten Schülern, die ohnehin motiviert sind und ihre Arbeit auch allein erledigen können. Oft sind es Eltern schwacher Schüler, häufig auch mit Einwanderungsgeschichte, von denen Unterstützung nötig wäre, die sie aber aufgrund eigener Sprach- und Bildungsprobleme nicht leisten können. Schon in früheren Debatten zum Sinn oder Unsinn von Hausaufgaben, die periodisch auftreten, war von Hausfriedensbruch durch Hausaufgaben die Rede - das war noch zu Zeiten, als die Ganztagsschule eher unüblich war. Schon in den Schulordnungen aus dem 15. Jahrhundert ging es um Hausaufgaben. Sie dienten dazu, dass Kinder selbständig nacharbeiten, was im Unterricht durchgenommen wurde, dass sie üben und Vokabeln lernen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Eine neue deutsch-schweizerische Studie kommt nun zu dem Schluss, dass elterliches Engagement bei Hausaufgaben und Leistungsentwicklung von Sechstklässlern oft nicht zu besseren Ergebnissen führt. Befragt wurden dafür knapp 1700 Schweizer Schüler und ihre Eltern über einen längeren Zeitraum. Sowohl die Deutschnoten als auch die Leistungsentwicklung im Lesen fiel bei Kindern schlechter aus, deren Eltern häufig bei den Hausaufgaben halfen, als bei denen, die sie selbständig machten. Die Ergebnisse wurden im „Journal of Educational Research“ veröffentlicht.

          „Das führt zu einem Teufelskreis“

          Oft sind es schlechte Zeugnisnoten, die Eltern dazu bringen, sich stärker um die Hausaufgaben ihrer Kinder zu kümmern. Ob das Kindern hilft, ist in der Forschung umstritten. Die vorliegenden Studien zur Hausaufgabenforschung sind widersprüchlich, weil sie ganz unterschiedliche Aspekte elterlicher Hausaufgabenhilfe untersuchten. Manche fragten nämlich nur, wie oft Eltern helfen, kümmerten sich aber nicht weiter darum, wie die elterliche Hilfe aussah. Sie hätten deshalb eine begrenzte Aussagekraft, sagt der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein, einer der federführenden Forscher der neuen Hausaufgabenstudie. Offenbar ist die Qualität der elterlichen Hausaufgabenhilfe entscheidend. Wie nervend es sein kann, wenn Kinder von ihren Eltern nach der Rückkehr als Erstes gefragt werden, ob sie Hausaufgaben aufhaben und wann das Kind diese zu erledigen gedenke, weiß jedes Kind und wissen auch die Eltern aus ihrer eigenen Schulzeit.

          Kinder wollen nicht ständig kontrolliert werden und unter Druck stehen, aber sie brauchen sicher eine ruhige Lernatmosphäre und einen eigenen Arbeitstisch. Auch das ist nicht in allen Familien selbstverständlich. Besonders günstig scheint für den Lernfortschritt zu sein, wenn Eltern sich relativ wenig einmischen, aber zur Unterstützung zur Verfügung stehen. Das Kind kann dann selbst entscheiden, ob es sich helfen lässt oder nicht.

          Zu viel Druck scheint dagegen schon bei Grundschülern dazu zu führen, dass sie zu Hause angeben, nichts aufzuhaben, und in der Schule Ausreden erfinden, warum sie die Hausaufgaben nicht machen konnten. Es sei ein großer Unterschied, ob Kinder die Unterstützung der Eltern als Hilfe oder als unliebsame Einmischung und Kontrolle empfänden, sagt Sandra Moroni von der Pädagogischen Hochschule Bern, die Erstautorin der neuen Studie. Wenn Eltern dagegen verstärkt eingreifen, wenn die Leistungen ihrer Kinder nachlassen, frustriert das die Kinder doppelt. Es wird ihnen dadurch signalisiert, dass sie gute Leistungen allein nicht erreichen können. „Das führt zu einem Teufelskreis“, sagt Moroni. Sie rät den Eltern, erst einmal genau zu prüfen, warum die Leistung des Kindes nachgelassen hat, und gemeinsam mit den Lehrern nach Möglichkeiten zu suchen, wie es selbst Verantwortung für die Hausaufgaben übernehmen kann.

          Die Autoren haben auch getestet, wie sich ihre Ergebnisse veränderten, wenn sie - wie das in vielen früheren Studien der Fall war - wichtige weitere Faktoren wie frühere Leistungen und familiären Hintergrund außer Acht ließen. Ganz offenbar sind die Wirkungen von elterlicher Hausaufgabenhilfe bisher deutlich überschätzt worden. Ulrich Trautwein fordert deshalb eine bessere Datengrundlage, mehr und vor allem qualitativ aussagekräftige Studien wären vonnöten.

          Die Untersuchung des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie, der alle vorhandenen Studien zu bestimmten Themen zusammengefasst und analysiert hat, kommt zu dem Ergebnis, dass Hausaufgaben nicht den allergrößten Effekt haben. Für viele war das Grund genug, die Abschaffung der Hausaufgaben zu fordern. Wer genau hinschaut, wird allerdings sehen, dass Hattie genau unterscheidet: am Gymnasium erscheinen Hausaufgaben ihm sinnvoller als in der Grundschule. Doch nur wenn das selbständige Arbeiten in der Grundschule geübt wurde, können Schüler in weiterführenden Schulen auch von Hausaufgaben profitieren.

          In seinem neuen Buch „Hausaufgaben, nein danke - Warum wir uns so bald wie möglich von den Hausaufgaben verabschieden sollten“ (hep Verlag) hat der Bildungsjournalist Armin Himmelrath nach 32 Jahren Hausaufgabenerfahrung mit den eigenen Kindern ein entschiedenes Plädoyer für die Abschaffung sämtlicher Hausaufgaben vorgelegt. Er setzt sich für eine Ganztagsschule mit vollständiger Hausaufgabenerledigung und individuelle Lernphasen im Schulalltag ein. Himmelrath beruft sich dabei auch auf Lehrer, die Hausaufgabenkontrolle als reine Zeitverschwendung betrachten. Wenn Lehrer gar keine Hausaufgaben kontrollieren, haben die Schüler überhaupt keinen Anreiz, diese selbst wichtig zu nehmen. Der Lerneffekt ist dann gleich null. Problematisch sind auch solche Lehrer, die Hausaufgaben als „Mülleimer für alle Inhalte, die am Vormittag nicht untergebracht werden konnten“, betrachten, also als Strafarbeit für den unerledigten Stoff des Lehrers, der damit den Schülern - womöglich wegen ihres Disziplinmangels den Schwarzen Peter zuschiebt. Wenn Schüler sich vor derlei Hausaufgaben drücken, sie abschreiben, von den Eltern erledigen lassen oder morgens im Bus auf wackligem Untergrund fabrizieren, braucht das niemanden zu wundern.

          Nicht immer sind die Hausaufgaben sinnvoll

          Selbst Lehrerverbandsvertreter wie der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, geben überdies zu, dass Hausaufgaben nicht immer sinnvoll gestellt werden. Manche Schüler verstehen die Aufgabenstellung gar nicht, und das liegt keineswegs immer an den Schülern, es kann auch an unklaren Formulierungen des Lehrers liegen oder an einer Hausaufgabe, die nach dem Läuten zwischen Tür und Angel gestellt wurde. Sinnvolle Hausaufgaben müssen auch nicht besonders lange dauern oder einen großen Umfang haben, ganz im Gegenteil. Manchmal könnte vermutlich schon eine intelligente Übungsaufgabe mehr bewirken. Nicht immer gingen Lehrer mit der nötigen Sorgfalt bei der Hausaufgabenkonzeption vor, sagt Meidinger. Lehrer haben allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass manche Schüler gar nicht erst aufschreiben, was sie aufhaben, standhaft Hausaufgaben verweigern oder den Sinn von Hausaufgaben nicht erkennen.

          Bei den Hausaufgaben ist es ähnlich wie beim sogenannten selbstgesteuerten Lernen, die begabten Schüler haben keine Probleme damit und sind zum selbständigen Arbeiten in der Lage, diejenigen aber, die Hausaufgaben am nötigsten hätten, sind dazu gar nicht in der Lage, weil sie viel zu unselbständig sind. Dadurch wird die Leistungsschere zwischen den Schülern immer größer: wenn die Guten auch noch üben, was ihnen nicht schwerfällt und sie nicht viel Zeit kostet, werden sie immer besser - und die Schwachen, die auf die Übungsmöglichkeit verzichten oder sie nicht wahrnehmen können, geraten noch weiter ins Hintertreffen. Sollten Hausaufgaben gerechtigkeitshalber lieber abgeschafft werden und mehr Übungszeit in der Schule zur Verfügung stehen? Bei den Hausaufgaben kommt es darauf an, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Eine schlechte Praxis rechtfertigt noch nicht den Sinn oder Unsinn des häuslichen Übens überhaupt.

          Überhaupt nicht sinnlos dürfte es nämlich sein, Vokabeln zu Hause zu lernen, das dürfte selbst in Arbeitsphasen in der Schule nicht ausschließlich gelingen. Je besser Schüler verstehen, warum sie eine bestimmte Aufgabe erledigen sollen, desto eher werden sie auch bereit sein, sie zu lösen. Die Hausaufgabenverweigerer wird es auch in Zukunft geben, auch diejenigen, die so gut wie keine Zeit investieren müssen und wollen, aber sie erreichen damit je nach Ausgangslage nicht unbedingt die schlechteren Lernergebnisse. Entscheidend scheint die Motivation des Kindes oder Jugendlichen zu sein. Wenn Kinder Stunden - tagträumend oder nicht - mit den Hausaufgaben zubringen und nicht zum Ende kommen, ist das eher ein Warnsignal für Eltern als eine sehr kurze Bearbeitungszeit, die auch auf die rationale Arbeitshaltung eines Minimalisten hindeuten kann. Kritisch sei allein dieser „sich abmühende Lerner“, bestätigen die Forscher.

          Fünf Lerntypen

          In einer früheren Studie haben die Tübinger Forscher des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung unterschiedliche Hausaufgabentypen unter Schülern analysiert. Sie haben dafür knapp 2000 Achtklässler aus der Schweiz zu einem Test eingeladen. Bei allen wurde das Hausaufgabenverhalten in Französisch untersucht. Französisch wurde in den schweizerischen Kantonen, aus denen die Schüler kamen, als Zweitsprache unterrichtet. Zu Beginn der achten Klasse sollten die Schüler sagen, wie viel Zeit sie für ihre Aufgaben brauchten. Sie haben dafür einen Fragebogen angekreuzt, auf dem Aussagen wie „ich gebe mein Bestes“ oder „wenn ich nicht schnell eine Lösung finde, lasse ich die Aufgabe sein“ ankreuzen konnten. Herauskristallisiert haben sich am Ende fünf Lerntpyen: die Fleißigen und Schnellen, die Hochengagierten und die Durchschnittsschüler, die sich nicht verausgaben und auch nur mittelmäßige Noten bekommen, diejenigen, die sich erfolglos abmühen und möglicherweise unkonzentriert viel Zeit mit Aufgaben zubringen, die sie nicht lösen können, und die absoluten Minimalisten, die mit dem geringstmöglichen Arbeitsaufwand durchkamen, aber nicht mit Noten glänzen konnten.

          Vielen Eltern geben die Hausaufgaben einen willkommenen Einblick in das, was ihre Kinder gerade in der Schule lernen. Eltern indessen, die sich ohnehin wenig für ihre Kinder interessieren, kaum mit ihnen reden und noch weniger mit ihnen üben, werden auch nicht nach den Hausaufgaben fragen. Ehrgeizige Eltern mit Einwanderungsgeschichte - häufig Vietnamesen - sitzen zum Beispiel in ihren Restaurants still mit ihrem Kind in einer Ecke und machen mit ihnen Hausaufgaben. „Das wird einfach besser, auch wenn er erst in der zweiten Klasse ist“, versicherte neulich eine vietnamesische Mutter. Der kleine Sohn schaute nicht ganz so drein, als sei auch er davon restlos überzeugt.

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