https://www.faz.net/-gpf-93q2p

Die Bilder einer Überwachungskamera zeigen nach dem starken Vermuten die früheren RAF-Terroristen Burkhard Garweg (vorn) und Ernst-Volker-Staub (hinten) am 2. Januar 2015 in einem Bus in Osnabrück (Niedersachsen) Bild: dpa

Neue Spur nach Überfallserie : Sind RAF-Terroristen in Südeuropa untergetaucht?

Seit Jahren sucht die Polizei nach den drei früheren RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette. Nach einer Überfallserie verfolgen die Ermittler jetzt eine neue Spur.

          Schwarzfahren kommt für den älteren Mann mit der Mütze und dem blauen Outdoor-Rucksack nicht in Frage. Nachdem er den Linienbus in Osnabrück bestiegen hat, stellt er sich brav beim Fahrer an, um ein Ticket zu lösen. An ihm vorbei drückt sich ein anderer Mann, der ebenfalls eine Mütze trägt und eine olivfarbene Fahrradgepäcktasche mit sich herumschleppt. Die beiden Herren kennen sich: Der Mann in der Warteschlange heißt Ernst-Volker Staub und ist 63 Jahre alt. Der Mann mit der Gepäcktasche ist der 49 Jahre alte Burkhard Garweg.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Schon seit Jahren versuchen die deutschen Sicherheitsbehörden, dieser beiden früheren RAF-Terroristen habhaft zu werden, die mittlerweile ins Fach der schweren Raubkriminalität gewechselt sind. Staub und Garweg waren bereits ein Jahr nach der Selbstauflösung der RAF im Jahr 1998 mit einem Überfall auf einen Geldtransporter in Duisburg in ihrem neuen Metier in Erscheinung getreten. Zwischen 2011 und 2016 begingen sie dann mindestens neun weitere Überfälle, bei denen die Opfer auch mit einer Panzerfaust und einer Kalaschnikow bedroht wurden. Am Montag veröffentlichte das Landeskriminalamt Niedersachsen nun zum ersten Mal Videoaufnahmen der beiden Gesuchten: Zum einen handelt es sich dabei um Szenen aus dem öffentlichen Nahverkehr in Osnabrück, in denen Staub und Garweg unmaskiert zu sehen sind. Die beiden Gesuchten waren offenbar gerade dabei, eine ihrer Taten vorzubereiten. Ein anderes Video zeigt die beiden in flagranti, wie sie am 7. Mai 2016 einen Einkaufsmarkt in Hildesheim überfallen.

          Nicht zu sehen auf den Aufnahmen ist die dritte im Bunde, die 59 Jahre alte Daniela Klette, die ebenfalls der sogenannten Dritten Generation der RAF angehört hatte. Von ihr sind keine Aufnahmen aktuellen Datums verfügbar. Das LKA geht davon aus, dass Klette bei den Überfällen die Fluchtfahrzeuge steuert. Das Trio lässt seine Tatfahrzeuge gewöhnlich kurz nach der Tat in einem Wald zurück und steigt auf ein anderes Fahrzeug um.

          Das LKA wartete am Montag aber nicht nur mit neuem Bildmaterial auf, sondern auch mit der Vermutung, dass sich die drei womöglich in Südeuropa aufhalten. Als mögliche Aufenthaltsorte werden Frankreich, Italien und Spanien genannt. Die Ermittler wollen es zumindest nicht ausschließen, dass das Trio aus Deutschland sich alter Netzwerke des europäischen Linksterrorismus in diesen Ländern bedient, um im Untergrund zu überleben. Genannt werden die baskische ETA, die Roten Brigaden aus Italien und die „Action Directe“ in Frankreich. Das Fahndungsgebiet wird aber auch deshalb ausgeweitet, weil die bisherige Öffentlichkeitsfahndung nicht zum Erfolg führte und dabei auch kaum brauchbare Hinweise aus den bisher als mögliche Aufenthaltsorte genannten Gebieten kamen. Das macht die Ermittler stutzig.

          Mit diesem Fahndungsplakat sucht die Polizei nach den drei untergetauchten früheren RAF-Mitgliedern

          Allerdings bleiben auch Niedersachsen sowie die Niederlande weiter im Fokus der Fahnder. In Niedersachsen, meist in Gewerbegebieten mit guter Autobahnanbindung, geschahen die Raubüberfälle. Und in den Niederlanden ist ein Mobiltelefon, das den früheren Terroristen zugeordnet wird, ausgeschaltet worden. Zudem fanden die Ermittler in einem der Fluchtfahrzeuge den Schnipsel einer niederländischen Zeitung. Dabei könnte es sich allerdings auch um eine bewusst gelegte falsche Fährte handeln. Nicht ganz abgeschrieben ist aus Sicht der Ermittler auch Ostdeutschland, das immer wieder als möglicher Aufenthaltsort genannt wurde. Dabei könnten auch alte Verbindungen zwischen der RAF und der DDR-Staatssicherheit von Bedeutung sein. Das LKA geht jedenfalls davon aus, dass das Trio über Tarnidentitäten verfügt.

          Der Schritt an die Öffentlichkeit kann als Beleg dafür gewertet werden, wie schwierig sich die Suche nach diesen hochprofessionell agierenden Tätern gestaltet. Die Videoaufnahmen würden veröffentlicht, nachdem man zuvor alle sich daraus ergebenden Ermittlungsansätze intern abgearbeitet habe, berichtet LKA-Sprecher Frank Federau. Nun hofft man in der Behörde, dass die Bevölkerung brauchbare Hinweise beisteuern kann. Gute Fotos von Staub und Garweg haben die Ermittler schon im vergangenen Jahr veröffentlicht. Durch die Videos werden nun auch die Statur und der Bewegungsablauf der Gesuchten greifbar.

          Einmal haben die Ermittler die Chance, das Trio zu ergreifen, bereits verpasst. Vor dem Raubüberfall in Cremlingen nahe Braunschweig im Juni 2016 hatte sich ein Mann gemeldet, der beobachtet haben wollte, wie die früheren Terroristen das dortige Gewerbegebiet an der Autobahn auskundschafteten. Die Polizei observierte das Gelände darauf, stellte diese Maßnahme auch wegen der Knappheit der personellen Ressourcen jedoch wieder ein. Bald darauf überfielen die früheren RAF-Terroristen, die einst an der spektakulären Sprengung der JVA Weiterstadt im Jahr 1993 beteiligt waren, tatsächlich einen Geldtransporter in dem Gewerbegebiet. Nach einigen Fehlschlägen war der Raubüberfall in Cremlingen aus Sicht des Räuber-Trios  äußerst erfolgreich. Nachdem die Beutesumme anfangs auf etwa 400.000 Euro beziffert wurde, kursiert mittlerweile eine Summe von einer Million Euro.

          Von großen finanziellen Nöten dürften die drei Terroristen in ihrem Leben im Untergrund somit nicht mehr sein. Die Arbeit der Ermittler wird dadurch nochmals erschwert.

          Weitere Themen

          Berufung abgeschmettert Video-Seite öffnen

          Kardinal Pell bleibt in Haft : Berufung abgeschmettert

          George Pell ist der ranghöchste katholische Geistliche weltweit, der wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde. Jetzt hat ein australisches Gericht die Gefängnisstrafe gegen den Kurienkardinal und früheren Vatikan-Finanzchef bestätigt.

          Topmeldungen

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.
          CSU-Politiker Markus Söder

          Gesetzesvorstoß : Söder will Negativzinsen verbieten

          Bayerns Ministerpräsident will ein Gesetz in den Bundesrat einbringen, um Bankeinlagen von Normalsparern bis 100.000 Euro vor Strafzinsen zu schützen. Allerdings haben Gerichte bereits juristische Grenzen für Minuszinsen auf Kontoguthaben gezogen.

          Luxusbauten in New York : Ästhetische Abschottung

          Ein Penthouse für 239 Millionen Dollar: Die Wohlhabendsten schauen von immer größeren Höhen auf das Stadtvolk hinab. New York baut jetzt superdünn.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.