https://www.faz.net/-gpf-9ycn0

Corona-Studie zu Heinsberg : Kommt es bald zu Lockerungen?

  • -Aktualisiert am

Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und der Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Bonn, Hendrik Streeck auf dem Weg zur umstrittenen ersten Pressekonferenz der Heinsberg-Studie. Bild: dpa

Forscher um den Virologen Hendrik Streeck haben Zwischenergebnisse ihrer Corona-Studie vorgestellt: Behutsame Lockerungen scheinen möglich – unter strikter Einhaltung bestimmter Regeln.

          4 Min.

          Zwischenergebnisse einer Studie mehrerer Forscher der Universität Bonn zur Verbreitung des Corona-Virus im besonders schwer betroffenen Kreis Heinsberg deuten darauf hin, dass in Bälde mit einer behutsamen Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie begonnen werden kann. Die Politik habe mit der Verhängung des weitgehenden Shutdown richtig reagiert, um unkontrollierte Ausbrüche zu verhindern, sagte der Virologe Hendrik Streeck bei der Vorstellung der Zwischenergebnisse der im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesregierung erstellten Studie am Donnerstag in Düsseldorf.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          „Dadurch dass die Menschen in Deutschland so aktiv und diszipliniert mitgemacht haben, ist es uns jetzt möglich, in eine zweite Phase einzutreten.“ Voraussetzung sei aber, dass unter anderem weiter strikt auf Distanz und Hygiene geachtet werde. „Wir haben gelernt, wie wir uns richtig verhalten und damit stark dem Ausbruchsgeschehen entgegengewirkt.“

          Der an der Untersuchung beteiligte Bonner Hygiene-Professor Martin Exner schloss sich dieser Einschätzung an, wies jedoch darauf hin, dass besonders gefährdete Personen, also alte und vorerkrankte Menschen weiter streng geschützt werden müssten. Namentlich in Alten- und Pflegeheimen müsse weiterhin eine „restriktive Politik“ aufrechterhalten werden.

          Erhebliche Zweifel an Abitur-Prüfungen

          Das Tragen eines Mundschutzes sei nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in Altenheimen ganz besonders wichtig. Exner forderte deutliche Investitionen in Schutzmaterial. In vielen Pflege- und Altenheimen sowie in der ambulanten Pflege herrscht nach wie vor ein akuter Mangel an Masken und Kitteln; zuletzt häuften sich die Meldungen über Corona-Tote in Altenheimen.

          F.A.Z.-Newsletter für Deutschland

          Jeden Morgen ordnen unsere Redakteure die wichtigsten Themen des Tages ein. Relevant, aktuell und unterhaltsam.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Keine gute Nachrichten hatte Exner für Senioren. Zu ihrem Schutz könne nicht ausgeschlossen werden, dass ihre Enkel sie auch in den kommenden Monaten noch nicht wieder besuchen könnten. Das sei notwendig, um vulnerable Gruppen zu schützen. Die Öffnung von Kitas und Schulen könne aber dazu beitragen die "Herdenimmunität" aufzubauen.

          Das finde derzeit noch nicht statt, sei aber Ziel. Exner hielt es auch für möglich, Abiturprüfungen abzuhalten, wenn Abstand eingehalten werde und Hygiene-Maßnahmen eingehalten würden. Allerdings gibt es eben daran erhebliche Zweifel, wie erst am Mittwoch im Schulausschuss der nordrhein-westfälischen Landtags deutlich wurde.

          Heinsberg ist dem Rest Deutschlands zwei Wochen voraus

          Für die Zwischenbilanz ihrer Studie haben die Bonner Forscher bisher Daten von rund 500 Einwohnern der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg ausgewertet. In Gangelt waren zur Karnevalszeit die ersten Corona-Infektionen in Nordrhein-Westfalen aufgetreten, die Gemeinde entwickelte sich rasch zum bisher größten Cluster in Deutschland.

          Nach bisherigen Erkenntnissen ereignete sich eine Vielzahl der Infektionen schlagartig über eine Karnevalssitzung. Fachleute sprechen bei einem solchen Infektionsgeschehen von einem Superspreading-Ereignis. Auch in österreichischen Skiort Ischgl und bei einem Fußballspiel in Norditalien soll es zu solchen Masseninfektionen gekommen sein.

          Für Forschungszwecke eignet sich Gangelt auch deshalb besonders gut, weil der Kreis Heinsberg unter der Führung von Landrat Stephan Pusch (CDU) rasch mit strikten Maßnahmen zur Eindämmung wie etwa Schul- und Kitaschließungen reagierte, die dann auch in ganz Deutschland ergriffen wurden. Nach Einschätzung von Fachleuten ist die Corona-Entwicklung in Heinsberg der Entwicklung im Rest von Deutschland zwei bis zweieinhalb Wochen voraus.

          Kosten nicht nur an Geld, sondern auch an Leid abschätzen

          Ein wichtiges Ziel der Gangelt-Feldstudie ist es auch, Erkenntnisse über die Dunkelziffer und daraus abgeleitet die tatsächliche Gefährlichkeit des Virus zu gewinnen. Nach Angaben Streecks konnten bei 15 Prozent der untersuchten Bürger nachgewiesen werden, dass sie (zum Teil unwissentlich) bereits eine Infektion durchgemacht haben haben. Entsprechend hätten bereits 15 Prozent der untersuchten Gangelter nun auch eine Immunität gegen das Virus ausgebildet, sagte Streeck.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gewalt in Atlanta : Zwischen Gebeten und Tränengas

          Die Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd sind die schwersten seit 1968. Viele Menschen sind verstört ob der rohen Gewalt – vor allem in der Stadt, in der einst Martin Luther King predigte.

          Protest nach George Floyds Tod : Die Sportler verlassen die Deckung

          McKennie, Hakimi, Sancho, Thuram: Bundesligaspieler beklagen wie viele andere Athleten Polizeigewalt und institutionalisierten Rassismus. Ihre Proteste nach dem Tod von George Floyd dürften noch zunehmen. Wie reagieren die Verbände?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.