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Neubrandenburg : Rüstzeug für die lieben Genossen

Kathedrale für Panzer: Früher war das Reparaturwerk Neubrandenburg eine Stadt in der Stadt - nichts sollte nach außen dringen. Bild: Gyarmaty, Jens

In einem Sperrgebiet in Neubrandenburg testeten die Nazis einst Torpedos, in der DDR wurden hier Panzer für den Ostblock und seine Freunde repariert. Heute ist es ruhig. Die Geschichte eines besonderen Strukturwandels.

          10 Min.

          Im April 1986 hat die „Freie Erde“ noch mehr Jubel zu vermelden als sonst. Zum Beginn des XI. Parteitags in Berlin schreibt die Bezirkszeitung der SED im mecklenburgischen Neubrandenburg: „Voller Zuversicht und Elan weiter auf dem Weg des Sozialismus und des Friedens“. Darüber hinaus „trifft ein lieber ausländischer Gast in der Bezirksstadt ein“: Mengistu Haile Mariam, „Generalsekretär des ZK der Arbeiterpartei Äthiopiens, Vorsitzender des Provisorischen Militärischen Verwaltungsrates und Oberkommandierender der Revolutionären Streitkräfte des Sozialistischen Äthiopiens“. Der Diktator, der in seinem Land gerade einen Aufstand blutig niederschlagen lässt, besucht den Volkseigenen Betrieb Reparaturwerk Neubrandenburg (RWN), das seit mehr als drei Jahrzehnten Panzer, Planierraupen, Spähwagen und anderes Kriegsgerät instand setzt. Das steht so nicht in der „Freien Erde“, hier heißt es: „schwere Technik für die NVA“, wobei hinzugefügt wird, dass das RWN „auch Konsumgüter wie Abgasanlagen für verschiedene Pkw-Typen produziert“. Der „Produktionsplan“ sei „bisher 243 Monate in ununterbrochener Reihenfolge erfüllt“ worden. Es steht auch nicht in dem Bericht, was Mengistu will: Rüstungsgüter. Stattdessen: „Blumen werden überreicht, eine Ehrenhundertschaft der Kampfgruppen ist angetreten.“

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Ein Foto zeigt den lachenden Diktator im dunklen Mantel neben einem grauhaarigen Mann mit Hornbrille, „Mitglied des ZK und 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED“, der ihn „herzlich begrüßt“. Es folgen Aufrufe zum Kampf gegen Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus. Begeisterung, Beifall, Grüße an die Werktätigen vom äthiopischen Volk, Eintragung ins Tagebuch der Brigade „Otto Grotewohl“, Hochrufe. Mengistu „dankt in herzlichen Worten für die Gastfreundschaft“. Man habe sich „sicher in diesem schönen Bezirk nicht zum letzten Mal gesehen“.

          Er irrte. Der Kalte Krieg endete. Mengistu half auch die Waffenhilfe nichts. Und das RWN überstand die Wiedervereinigung nicht.

          In „Dirk’s Fundgrube“ verstaubt die Geschichte. Übereinandergestapelt oder in Kisten gestopft. Alte Uniformen hängen in der Ecke, Jubiläumsgläser - 725 Jahre Neubrandenburg, 40 Jahre Freier Deutscher Gewerkschaftsbund - stehen im Regal, eine Gesichtssauna aus volkseigener Produktion auch. Neben der Theke, hinter Glas, die Honecker-Autobiographie „Aus meinem Leben“. Der Namensgeber der Fundgrube steht hinter der Theke. Wo einst die Wachen in ihrem Häuschen darauf achteten, dass niemand ohne Genehmigung das RWN-Gelände betrat, ist vor bald acht Jahren Dirk Radloff, heute Mitte dreißig, mit seinem Ramschladen eingezogen.

          Das Geschäft läuft. Oft kämen Leute, die nach Gegenständen aus dem RWN fragten, sagt Radloff. Abzeichen des Werks zum Beispiel, Werkzeug- und Garderobenmarken. Aber das sei schwierig zu bekommen, viel nach der Wende weggekommen. Schade. Das Nachtsichtgerät für Panzer, das jemand mal aus dem RWN mitnahm, habe er für fünfzig Euro weiterverkaufen können. Während Radloff erzählt, kauft ein bärtiger Mann in Militärhose „Geschichten vom neidischen Dorle“, ein DDR-Kinderbuch, und einige weitere Bücher dazu, alles zusammen fünf Euro. Sein eigentliches Geschäft aber, sagt Radloff, mache er nicht im alten Wachhaus. Er macht es über Ebay. Online-Ostalgie lohnt sich.

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