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Von wegen Regulierung : Nestlé-Königin Klöckner

Julia Klöckner (CDU), Bundeslandwirtschaftsministerin, trinkt beim Eröffnungsrundgang der Internationalen Grünen Woche 2019 Weißwein. Den kennt sie noch aus ihrer Zeit als Weinkönigin. Bild: dpa

Julia Klöckner hat in alter Weinköniginnen-Manier ihr Produkt bestens präsentiert. Leider war es im Fall der Ministerin kein Gesetzesentwurf zugunsten des Gemeinwohls, sondern eben Nestlé. Auf der Strecke bleibt: die Regulierung solcher Konzerne.

          Josefine Schlumberger, deutsche Weinkönigin von vor drei Jahren, stellte in ihrer Amtsperiode rückblickend fest: „Die erste Weinkönigin wurde gewählt, damit die Männer auf den Weinfesten was Nettes auf der Bühne zu sehen haben.“ Inzwischen aber seien Weinköniginnen moderne Fachfrauen (sie selbst studierte Önologie in Geisenheim), „die auf jedem Termin einen aktiven Part haben und eben nicht nur in die Kamera schauen und lächeln“. Warum die Weinmonarchie in Frauenhand liegt? Weil „wir Frauen auch einfach gut zu unserem eleganten, leichtfüßigen, fruchtigen deutschen Wein passen und ihn deshalb auch so gut repräsentieren können“.

          Das lässt sich auch über Julia Klöckner sagen, die dieses Handwerk von der Pike auf gelernt hat und ebenfalls gut zu „den Produkten“ passt, die, wie Frau Klöckner sagt, „die Bürger gerne mögen“, in diesem Fall also jene von Nestlé, dem größten Lebensmittelkonzern der Welt. Warum nur wird auf dem so oft herumgehackt? Eben darum.

          Bitte regulieren Sie sich selbst

          Nestlé ist ungeheuer mächtig, und der Konzern weiß diese Macht auch zu gebrauchen. Dabei steht Verbraucherschutz nicht immer ganz oben auf der Prioritätenliste. Aus dem Zuständigkeitsbereich des Landwirtschaftsministeriums ist er ohnehin wieder entfernt worden – Landwirtschaftsminister/innen sind in Deutschland traditionell für die Agrarindustrie zuständig, in dem Sinne, dass sie deren Interessen alles andere als komplett aus den Augen verlieren. Und so hat man wohl auch die im Landwirtschaftsministerium verbliebene Zuständigkeit für Ernährung zu verstehen: eben eine für die Lebensmittelindustrie.

          Weinkönigin wird frau schließlich auch nicht um ihrer Schönheit willen. Schönheit schadet schwerlich, doch vor allem müssen Weinköniginnen „Kleie an den Füßen haben“, wie man es im fernen Friesland ausdrücken würde. Sprich: Vaddern sollte Land besitzen. Bei Weinbauern sind es dann nicht die fetten Marschen, sondern Löß, Lehm, Ton, Mergel in sonnenverwöhnten Lagen. Und so fließt in den wechselnden Weinköniginnen aufs schönste der Gemeinsinn von Winzern und Zechern zusammen. Womit wir wieder bei Ministerin Klöckner wären und ihrem Prinzip Freiwilligkeit. Will sagen: Produzenten sollen sich ihre Vorschriften selber machen.

          Freiwilligkeit ist bekanntlich die Freiheit des Anderslautenden. Beispiel: Hätte man die Autoindustrie nicht mit Schadstoffgrenzen geschurigelt, dann würden die Konzerne freiwillig schon längst viel sauberere Diesel bauen, als sie jetzt unter Zwang nicht gebaut haben. Zigaretten würden Krebs laut Lungenärzten womöglich sogar heilen, wenn in Kinderbüchern dafür geworben werden dürfte.

          Ein geniales Prinzip, die Freiwilligkeit! Könnte man es nicht auch auf die Zecher und Verbraucher anwenden? Warum wird uns ständig ungefragt Lohnsteuer abgezogen? Warum nicht freiwillig zahlen, in selbstbestimmter Höhe? Dann dürfte es auch ein bisschen mehr sein. Wie wäre es bei Maut oder Mieten? Warum das ganze Gerede über Deckeln und Enteignen? Man überweist, so viel man will. Oder so wenig, wie man kann. Doch leider ach, es würde wohl nicht funktionieren. Freiwilligkeit bedeutet bei Verbrauchern schlicht, verbrauchen oder nicht verbrauchen. Und was Freiwilligkeit bei der Industrie bedeutet, sehen wir dann. Das Nähere regelt die CDU.

          Hui, was war das nun wieder elegant, leichtfüßig und fruchtig. Wenn ich die CDU wäre, würde ich es mir trotzdem mal durch den Kopf gehen lassen. Aber bin ich ja nicht.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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