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Neonazi-Mordserie : Auch böse Menschen kennen Lieder

„Swing tanzen verboten“: Im Verkaufsraum des Verlagshauses Deutsche Stimme (Archivbild) Bild: F.A.Z.-Foto Daniel Pilar

Eine rechtsextremistische Band hat schon 2010 die Morde der Thüringer Terroristen als Erfolge ihrer Szene gefeiert. War das Wichtigtuerei? Oder wussten die Neonazis mehr als die Ermittler?

          3 Min.

          Es ist ein übles, ein menschenverachtendes Lied, das die in rechtsextremistischen Kreisen sehr populäre Band „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ nicht etwa in diesen Tagen, nach dem spektakulären Ende der rechtsextremistischen Terrorzelle von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z., sondern schon im Sommer 2010 veröffentlichte. „Dönerkiller“ heißt der Song aus der CD „Adolf Hitler lebt!“, in dem die Band die Mordserie an acht türkischen und einem griechischen Geschäftsmann klar als zusammenhängende, ausländerfeindliche Taten eines „Dönerkillers“ feiert und sich daran ergötzt, dass die Behörden einem Phantom nachjagen: „Neun mal hat er es jetzt schon getan“, die Ermittler „drehen durch, weil man ihn nicht findet. Er kommt, er tötet und verschwindet“.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Selbst eine Drohung mit weiteren Anschlägen enthält das Lied: „Bei allen Kebabs herrscht Angst und Schrecken. Der Döner bleibt im Halse stecken, denn er kommt gerne spontan zu Besuch, denn neun sind nicht genug.“ Der Text führt zwingend zur Frage: War das nur eine dumpfe Ahnung, eine rechtsextremistische Wichtigtuerei oder ergeben sich daraus Hinweise auf intime Kenntnisse in der Szene?

          Aus den Fragen lässt sich jedenfalls ein Zwischenfazit ableiten, das bitter ist für die Behörden: Die Behauptung, man habe noch nicht einmal etwas von einem rechtsextremistischen Hintergrund der Mordserie wissen können, ist kaum noch zu halten. Das gilt umso mehr, als sich der Verfassungsschutz schon seit Jahren intensiv mit der Analyse der rechtsextremistischen Musikszene befasst. Die von einem sächsischen Label produzierte CD „Adolf Hitler lebt!“ ist im aktuellen Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz sogar erwähnt - allerdings nur am Rande - obwohl der Verfassungsschutz doch ein „Frühwarnsystem“ der wehrhaften Demokratie sein soll.

          Es genüge nicht, nur die von Extremisten begangenen Straftaten durch die Strafverfolgungsbehörden zu ahnden, heißt es etwa in der Selbstdarstellung des sächsischen Verfassungsschutzes. „Vielmehr muss sich der Staat über deren Vorhaben und Ziele auch schon im Vorfeld von Straftaten ein Bild verschaffen.“ Was bedeutet das mit Blick auf die konkrete „Dönerkiller“-Drohung „...denn neun sind nicht genug“?

          Rechtsextremistische Musik als Einstiegsdroge

          Am Instrumentarium zur Analyse und am grundsätzlichen Problembewusstsein hat es nicht gemangelt. Rechtsextremistische Musik wird in diversen Publikationen des Verfassungsschutzes als „Einstiegsdroge“ in die Szene und als „Lockmittel“, aber auch als „Kitt“ der Szene beschrieben. „Die Musik stellt das zentrale Identifikations- und Kommunikationsmittel, die Basis der subkulturellen rechtsextremistischen Szene dar“, heißt es etwa in einer Veröffentlichung des sächsischen Verfassungsschutzes. In diesem Sinne ist das Lied „Dönerkiller“ ein zentraler Beleg dafür, dass die Morde im Bewusstsein der Szene als ureigenes Identifikationsthema fest verankert waren.

          Die Band „Eichenlaub“ war direkt mit der Kameradschaft „Thüringer Heimatschutz“ verbunden
          Die Band „Eichenlaub“ war direkt mit der Kameradschaft „Thüringer Heimatschutz“ verbunden : Bild: dpa

          Die mythisch-musikalische Überhöhung der drei Mitglieder der Terrorzelle wiederum hatte schon kurz nach ihrem Abtauchen in die Illegalität begonnen. In einem Lied aus dem Jahr 1999 thematisiert das rechtsextremistische Duo „Eichenlaub“ das Verschwinden der drei. „Eichenlaub“ war direkt mit der Kameradschaft „Thüringer Heimatschutz“ verbunden, aus der Böhnhardt, Mundlos und Frau Z. kamen. „Ihr hattet wohl keine andere Wahl“, heißt es in dem Lied. Und: „Der Kampf geht weiter, für unser deutsches Vaterland.“

          Gigi und die braunen Stadtmusikanten

          Anders als „Eichenlaub“ ist „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ eine der bekanntesten Bands der rechtsextremistischen Szene - was der Garant dafür sein dürfte, dass sich die „Dönerkiller“-Botschaft nach Erscheinen der CD „Adolf Hilter lebt!“ im Sommer 2010 rasch verbreitet hat. In seiner Dissertation „Musik und die rechte Subkultur“ beschreibt Ingo Steimel neben Michael Regener, dessen frühere Band „Landser“ vom Bundesgerichtshof wegen der Mischung aus Volksverhetzung und konspirativem CD-Vertrieb als kriminelle Vereinigung eingestuft wurde, auch Daniel Giese („Gigi“) als „Ikone“ der rechtsextremistischen Musikszene.

          Giese war und ist bei verschiedenen Bands tätig, die Namen wie etwa „Stahlgewitter“ tragen. Ein besonders zynisches „Stahlgewitter“-Lied, in dem es um das Messerattentat auf den Passauer Polizeidirektor Alois Mannichl geht, heißt: „Lebt denn der alte Mannichl noch?“ Mit „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ - einer Gruppe, die bekannte Schlager- und Stimmungsmelodien mit rechtextremistischen Hasstexten neuvertont - ist Giese besonders erfolgreich. Auch diese Band arbeitet, wie der niedersächsische Verfassungsschutz 2005 analysiert hat, mit den gängigen rechtsextremistischen Feindbildklischees wie „Polizisten, Juden, Ausländer und Punks“.

          „Gigi und die brauen Stadtmusikanten“ ist in der Vergangenheit bei diversen NPD-Veranstaltungen aufgetreten. Und auch geschäftlich gibt es Verbindungen. Beim NPD-eigenen Versand „Deutsche Stimme“ kann man die CD „Braun is Beautiful“ erwerben - nicht aber das Machwerk „Adolf Hitler lebt!“. Aus gutem Grund. Ein NPD-Stadtrat aus dem sächsischen Eilenburg, der die indizierte CD nach Überzeugung des Amtsgerichts Eilenburg zwischen Juni und September 2010 über einen anderen Versand angeboten hat, wurde vor wenigen Tagen wegen Volksverhetzung und Verstoß gegen das Jugendschutzgesetz zu einer Geldstrafe verurteilt. Doch wer will, kann den Song „Dönerkiller“ ohne größere Mühe im Internet finden.

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