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Naturschutz : Für Menschen verboten

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Horst Moog und seine Leute ärgern sich nicht nur über den Naturschutz. Sie fühlen sich von den Behörden und den Parkschützern mit einer Arroganz behandelt, als sei ihr Ärger nicht ernst zu nehmen, weil er nur ein Gefühl sei, während doch die amtlichen Argumente „naturschutzfachlicher“ Art seien. Der Streit um die getöteten Schwarzerlen ist ein gutes Beispiel: Während die Dechower Bürger gegen EU-Richtlinien oder Vogelschutz-Managementpläne anrennen und sich wie Spinner vorkommen müssen, weiß sich die Behörde stets mit einem Gutachter auf der Seite staatstragender Vernunft. Die Schwarzerlen seien getötet worden, heißt es etwa, weil ein Ingenieurbüro im Auftrag der Behörde ermittelt habe, dass das notwendig sei – es gebe am Schaalsee zu wenig Altholz für Amphibien. Das klingt nach Naturgesetz, nach Naturwissenschaft, nach Wahrheit. Wer kann da widersprechen?

Hin und wieder treffen sich die Seeanrainer in einem Hof in Dechow – Zugezogene, alte Dechower, Ärzte, Bürgermeister. Sie haben alle eine andere Vorstellung vom Nebeneinander von Mensch und Natur als die Naturschützer. Was sei denn „Natur“ eigentlich? Die Gespräche drehen sich dann um eine Welt, die keiner mehr versteht. Und um Beispiele, Beispiele, Beispiele. Jahrhunderte, erzählt Christine Schulz von der Wählergemeinschaft, wurde das Röhricht für die Dächer natürlich am See geerntet. Jetzt ist die Ernte verboten, und das Röhricht muss aus Ungarn herangefahren werden. Und: Pilze dürfen auch nicht mehr gesammelt werden. Im „Kuhlrader Moor“, sagt Horst Moog, gebe es jetzt mehr Rotbauchunken und Kammmolche und Bauchige Windelschnecken als vor zehn Jahren. Aber auf den Wiesen spielten keine Kinder mehr. Ein Landwirt musste drei Jahre darauf warten, bis die Naturschutzbehörde ihm erlaubte, einen kleinen Lagerraum zu bauen, er musste dafür versprechen, einige Bäume zu pflanzen. Moog sagt, die meisten Bürger schwiegen über ihren Groll auf das Amt: „Wir müssen ja langfristig mit denen klarkommen.“

Bürgerinteressen abbügeln

Bis Mitternacht dauern solche Abende. Die Bürger erzählen von Einschränkungen, der Arroganz des Amtes, ein jeder bringt als Beleg einen Stapel an Zeitungsartikeln und Briefwechseln mit. Aber auch die Gegenseite weiß sich zu helfen: Bürgerfreundlichkeit wird mit diversen Dokumenten, Broschüren und Faltblättern unter Beweis gestellt. Anfangs, nachdem der Schaalsee im Jahr 2000 Unesco-Reservat geworden war, hätte die Bevölkerung das noch gut gefunden, sagt Christine Schulz weiter. „Es ist heute schlimmer als zu Zeiten der Grenze. Man darf doch nicht jedes Mal, wenn man eine Wiese betritt, Angst haben, dass man etwas Unerlaubtes tut.“

Wer nicht Verwaltungsrechtler sei, sagt Wilhelm Hanebeck von der Bürgerinitiative, habe keine Chance, gegen das Amt zu argumentieren. „Die werfen mit Paragraphen um sich, um uns einzuschüchtern, und wer weiß, ob das alles zweifelsfrei so stimmt.“ Doch gegen den Vorwurf, es bügle Bürgerinteressen gern ab, hat das Amt eine Statistik zusammengestellt, die zeigt, dass den meisten Anträgen stattgegeben wurde. Gerade erst veröffentlichte die Naturschutzbehörde Ergebnisse einer Studie, die zeigen soll, wie beliebt die Behörde doch sei. Die Umfrage der Universität Greifswald ergab, dass der Großteil der Bürger die Naturschutzarbeit des Amtes gut findet und wieder für die Einrichtung eines Biosphärenreservates stimmen würde. „Da würde sich doch jede politische Partei freuen“, strahlt der stellvertretende Amtsleiter Mönke.

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