https://www.faz.net/-gpf-6mk2m

Naturschutz : Für Menschen verboten

  • -Aktualisiert am

Davon merkt die Bürgerinitiative nicht viel. Mehr als 1400 Unterschriften hat sie gegen weitere Vernässung von Wiesen gesammelt und dafür, dass in der Schaalseeregion auch Menschen sich weiter frei bewegen dürfen. „Die haben doch jeden am Eisstand angesprochen“, lächelt der stellvertretende Amtsleiter Rainer Mönke. Er spricht viel im Passiv, schiebt Verantwortung für umstrittene Entscheidungen auf Gutachter oder EU-Richtlinien und betont häufig, dass seine Behörde auch nur nach den rechtlichen Bestimmungen arbeite. Über die Bürgerinitiative sagt er: „Logischerweise gibt es Ängste bei irgendwelchen Grundeigentümern, bei Leuten aus Baden-Württemberg oder so.“

Horst Moog zog vor wenigen Jahren aus Westfalen mit seiner Frau hierher. Er führt die Bürgerinitiative „Leben im Reservat“ an. Der frühere Unternehmer, Jahrgang 1936, kaufte einen Hof und richtete ihn ein, als sei er Kulisse für ein Bilderbuch: Eichenbalken, Korbsessel, Ährenkränze. Moog hatte sich seinen Ruhestand allerdings ruhiger vorgestellt. Er wollte auf seinem Grundstück eine kleine Garage bauen, doch das Amt ließ ihn nicht – Naturschutzgründe. Er wollte viel auf seinen Pferden reiten, doch die Wege werden immer weniger – Naturschutzgründe. Aus Weiden werden Moore und aus Wegen Buschland, „Sukzession nennt die Biosphäre das dann“, schimpft er. Moog findet gar kein Ende, wenn er von der Behörde redet, die er stets nur „die Biosphäre“ nennt. „Die Biosphäre zieht die Daumenschrauben immer enger an.“ Er organisiert Bürgersitzung auf Bürgersitzung. Er schreibt Briefe an Zeitungen und Politiker. Die meiste Zeit ärgert er sich.

Strikt reglementiert

Auf einer Rundfahrt um Dechow zeigt Moog die Orte der Empörung: Hinter dem Ortsausgang wollte der Landkreis einen Radweg bauen, wozu einige Sträucher hätten beseitigt werden müssen, doch schon lang kommt das Genehmigungsverfahren nicht weiter, „die Biosphäre“ ist wohl dagegen. Im Nachbardorf Röggelin durfte die Gemeinde Bauplätze nicht verkaufen, weil die in der Einflugschneise der Gänse lägen. Am Ablauf des Sees lässt das Amt aufwendig einen Fischweg zum Nachbarteich errichten, dafür holzte es Weiden ab. „Wenn wir das gemacht hätten, ständen wir vor Gericht“, sagt Moog. Auf den schönsten Aussichtspunkt auf den Röggeliner See, zeigt Moog, weise kein Schild hin, und eine Schranke versperrt den Weg von der Straße – Naturschutz.

An dieser Stelle stand bis vor einigen Jahren noch ein Wohnhaus. Als der Besitzer starb, kaufte es der Zweckverband Schaalseelandschaft und riss es ab. Jetzt gehört der Aussichtspunkt vor allem den Vögeln, obwohl die meist ohnehin eine gute Aussicht haben. Immerhin, das Biosphärenamt errichtete in der Nähe immerhin einen Aussichtsturm. Woanders wiederum ist Aussicht strikt reglementiert. Ein Weg in Dechow führt durch eine Allee zu einer Aussichtsstelle auf einen Brutvogelplatz, die nur durch ein Guckloch durch einen Bambusvorhang hindurch zu sehen ist.

Weiter geht es zu Fuß über eine Wiese – „wenn das die Biosphäre wüsste“, sagt Moog wie ein Revoluzzer und stoppt an einem Teich. Hier haben die „Ranger“ ein Wäldchen aus Schwarzerlen getötet, die Rinden sind kreisrund abgeschabt, die Bäume sollen Altholz werden für Amphibien. „Und wir werden bestraft wegen ein paar Brombeeren“, sagt Moog. Was es damit auf sich hat? „Die Bäume können so von totholznutzenden (xylobionten) Arten noch als Lebensraum genutzt werden“, teilt das Biosphärenamt mit.

Das Nebeneinander von Mensch und Natur

Weitere Themen

Laschet zu Gast in Polen Video-Seite öffnen

Gedenkfeier und mehr : Laschet zu Gast in Polen

NRW-Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der Union Armin Laschet war am Wochenende in Polen zu Gast, um sich für die Hilfe während der Fluten zu bedanken und um des Warschauer Aufstandes zu gedenken.

Topmeldungen

Olympiasieg im Tennis-Einzel : Zverev gewinnt Gold für sein Land

In seinem Heimatland wird ihm oft vorgehalten, dass er ein großer Spieler sein könnte, aber kein großer Spieler ist. Nun wird Alexander Zverev Olympiasieger – und will sich mit den Deutschen versöhnen.
Laurel Hubbard unter „dem Druck einer Welt, die nicht wirklich für Menschen wie mich gemacht ist“.

Transgender-Frau bei Olympia : Ist das fair?

Gewichtheberin Laurel Hubbard aus Neuseeland ist die erste Transgender-Frau bei Olympia. In Tokio steht sie im Fokus. Eine Regelung, die allen Aspekten gerecht wird, sucht das IOC noch.
Leere in der  Messe Frankfurt: Ohne Unterstützung  hätte es allerdings noch mehr Insolvenzen gegeben.

Corona-Förderung : Der Weg in die Zombie-Wirtschaft

Die Bundesregierung will die Corona-Hilfen verlängern. Doch nicht alle Geschäftsmodelle haben eine Zukunft. Ökonomen warnen: Die Hilfe könnte mehr schaden als nutzen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.