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Naturschutz : Für Menschen verboten

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Fast jeder Ort am See kann über einen solchen Streit berichten. Am Rande der Stadt Zarrentin verläuft der idyllische Schalißer Weg, der zum Ort Techin führt, mit Seeblick über hügelige Feuchtwiesen. Auch ihn darf kein Mensch mehr betreten. Nachdem die Stadt den Weg geöffnet hatte, schloss ihn das Amt im Frühjahr wieder, aus „Kranichschutzgründen“. Fast siebzig Bürger kamen zusammen und protestierten, die Mehrheit der Stadtvertreter ging auf Konfrontationskurs zum Biosphärenamt, doch die Stadt knickte ein. Der alte Weg war zwanzig Jahre als Bullenweide genutzt worden, die Bullen störten die Kraniche nicht. „So ist die Politik der Naturschützer: Nichts wird genehmigt, Wege werden geschlossen, um dann billiger weitere Flächen kaufen zu können“, sagt Wilhelm Hanebeck. Er ist Tierarzt, der sich in der Bürgerinitiative „Leben im Reservat“ engagiert – und hin und wieder auf dem gesperrten Kranichweg spazieren geht. Die Brombeervernichtung von Dechow war der Gründungsakt der Bürgerinitiative. Sie wehrt sich dagegen, dass der Mensch am See zur bedrohten Tierart wird.

„Das ist die schlimmste Polemik“

Nicht weit von Dechow, in Kneese, sieht Hans-Jürgen Hoffmann, der Bürgermeister, seine Heimat versinken: Der Zweckverband Schaalseelandschaft, Eigentümerin von immer mehr Flächen im Reservat, schließe uralte Wanderwege, und die Wanderwege, die nicht geschlossen würden, lasse er verkommen. Alte Ställe oder private Gartenteiche würden einfach zum Biotop erklärt, also zum Hoheitsbereich des Amtes. Geld hat der Zweckverband genug. Er kauft mit Millionenbeträgen Flächen ein, um sie umzuwidmen – aus privater Nutzung wird Naturschutz.

Der Bürgermeister von Kneese ist sauer: „Wir Kritiker werden als Feinde des Naturschutzes abgestempelt. Ich bin aber ein armes Schwein, das normal arbeiten muss mit ganz geringem Einkommen, und meine Wähler sind das auch, und wenn ich dann sehe, wie hier mit öffentlichen Geldern umgegangen wird, werde ich zornig. Es ist doch so: Der Fischotter wird uns immer da nachgewiesen, wo man etwas verhindern will. Zu DDR-Zeiten sagte man mir: Wenn du die Waffe nicht trägst, dann bist du gegen den Frieden. Und genau dasselbe hören wir heute wieder: Wenn du nicht der Meinung der ,Grünen‘ bist, dann bist du gegen den Naturschutz.“ Und in der Schule in Roggendorf regne es ins Dach, sagt Hoffmann.

„Das ist die schlimmste Polemik“, sagt Amtsleiter Klaus Jarmatz, „Entschuldigung, wenn ich mich so aufrege. Das sind aber Minderheitsmeinungen und längst widerlegt. Eine Minderheitsmeinung ist etwas wert, wenn es eine sachliche und auch wahre Meinung ist.“ Die Bürgerinitiative bestehe aus Leuten, die zu viel Zeit hätten. Diese Leute seien oft allgemein vom Leben sehr frustriert, und dann nähmen sie sich die verbeamteten Naturschützer als Feindbild, sagt ein Vorstandsmitglied des Zweckverbandes.

Die meiste Zeit ärgert er sich

Das Biosphärenamt, Objekt der Bürgerwut, hat seinen Sitz in Zarrentin am Südostufer des Schaalsees. In der strukturschwachen Region ist es einer der größten Arbeitgeber, es ist zugleich Reservatsverwaltung und Untere Naturschutzbehörde. Im „Pahlhuus“, dem Dienstsitz mit Holzfassade, Solarzellen und Windrädchen, arbeiten 44 Angestellte: Amtsleiter, Stellvertreter, Justitiar, Pressesprecherin, Dezernenten, Sachgebietsleiter und die „Ranger“. Die Landesbehörde, zuständig auch für ein weiteres Mecklenburger Reservat, wirbt Fördergeld ein oder überwacht, dass die Naturschutzgesetze eingehalten werden, darunter auch eine Verordnung für den Schaalsee aus Zeiten der DDR, die kurz vor der Wiedervereinigung in Kraft trat. Für die Landespolitik ist das Unesco-Reservat ein Prestigeobjekt. Nicht nur Tourismus, auch Naturschutz soll Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region schaffen.

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