https://www.faz.net/-gpf-8buey

Parteiennachwuchs : Das Märchen von der politikfernen Jugend

  • -Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Vorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, im Oktober 2015 beim Deutschlandtag der Jungen Union in Hamburg. Bild: dpa

Junge Menschen sind nicht politik-, sondern parteienverdrossen. Um jene zu ködern, die eher „kurzfristige Happenings“ suchen als beharrliche Parteiarbeit, setzen Jugendorganisationen jetzt auf besondere Kampagnen und Projekte.

          Hinterhof, erste Etage, ehemaliges Ost-Berlin. Der riesige Bildschirm des Apple-Rechners, hinter dem Janis Walter sitzt, hat etwas Unwirkliches, hier, wo der Mief vergangener Jahrzehnte noch nicht vollends verzogen ist – und man den Kapitalismus überwinden will.

          Walter, 24 Jahre alt, ist einer von acht Bundessprechern der Linksjugend Solid, der parteinahen Jugendorganisation der Linkspartei. Einer Jugendorganisation, die wächst, seit sie sich 2007 aus mehreren linken Jugendverbänden zusammenschloss. 2007 waren es 2629 aktive Mitglieder, 2014 bereits 5359. Mit den Mitgliedern der Linkspartei unter 35 Jahren, die als passive Mitglieder der Linksjugend geführt werden, so sagt er, „kommen wir ungefähr auf das Doppelte“.

          Man stehe „quer zum Trend“, beschreibt Walter die Lage. Die Linksjugend Solid ist ein Gegenbeispiel zu dem, was bei anderen Jugendorganisationen zu beobachten ist, die es fast als positiv werten müssen, wenn in den vergangenen Jahren eine gewisse Konstanz in ihren Zahlen zu verzeichnen ist. Die Junge Union, die mit Abstand größte Jugendorganisation, hat derzeit rund 115.000 Mitglieder, pro Jahr werden es rund 2000 weniger.

          Die Jusos liegen seit zehn Jahren etwa gleichbleibend bei 50.000 Mitgliedern, die Jungen Liberalen haben nach einem Hoch im Jahr 2010 mit fast 13.000 Mitgliedern nun weniger als 10.000, und die Grüne Jugend stabilisiert sich leicht unterhalb der 8000 Mitglieder. Aufwind sieht anders aus.

          Es geht noch schlimmer

          Dennoch ist es der Blick auf die Parteien – gerade CDU und SPD –, der relativiert, weil er verrät, dass es noch schlimmer geht. 275.000 Mitglieder verlor die SPD von der Jahrtausendwende bis zum vorigen Jahr, die CDU im gleichen Zeitraum 160.000. Und auch die jüngste Shell-Jugendstudie ist ernüchternd.

          Denn sie stellt zwar fest, dass es eine Repolitisierung der Jugend gibt und sich mit 46 Prozent wieder deutlich mehr Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren „ganz allgemein für Politik interessieren“ als 2002, als die Entwicklung ihren absoluten Tiefpunkt erreichte und nur noch 34 Prozent das von sich sagten. Sie kommt aber auch zu dem Schluss, dass die Parteien davon nicht profitieren können.

          „Wir sehen nun noch deutlicher, was wir schon immer geahnt haben: Wir haben es nicht mit einer Politik-, sondern mit einer Politiker- und vor allem Parteienverdrossenheit zu tun“, sagt Mathias Albert, Politikwissenschaftler an der Universität Bielefeld, der die Studie federführend betreute.

          Die Bundesvorsitzende der Jusos kurz nach ihrer Wiederwahl auf dem dreitägigen Bundeskongreß der Jusos in Bremen im November.

          Die Sondersituation bei der Linksjugend Solid ist unter einem gewissen Vorbehalt zu betrachten. Die Jugendorganisation in dieser Form ist noch vergleichsweise jung, wächst am stärksten im Westen, speziell in Nordrhein-Westfalen, und schöpft dort im Aufbau und der Phase unmittelbar danach vorhandene Potentiale ab. „Es nur darauf zu reduzieren wäre aber falsch“, sagt Walter.

          Auch im Osten wachse die Organisation deutlich, auch dort werde das größer, was Walter als ein „linkes, strömungsübergreifendes Projekt“ bezeichnet. Er nennt damit ein Schlüsselwort.

          „Projektbezogen“, das taucht so oder so ähnlich überall auf. Bei den Jugendorganisationen unabhängig von ihrer politischen Couleur und auch in der Shell-Studie. Man müsse den Jugendlichen ermöglichen, „punktuell und projektorientiert“ mitzuarbeiten, heißt es dort.

          „Die Jugendlichen begeben sich ungerne in feste Organisationsformen, wollen sich nicht – salopp gesagt – zweimal im Monat im Hinterzimmer der Dorfwirtschaft treffen. Sie sind am empfänglichsten, wenn ihre Mitarbeit unmittelbare Folgen zeigt“, sagt Albert.

          Weitere Themen

          Hooligans attackieren Schwule auf LGBT-Parade Video-Seite öffnen

          Homophobe Gewalt in Polen : Hooligans attackieren Schwule auf LGBT-Parade

          Während der ersten Gay-Pride-Parade in der polnischen Stadt Bialystok kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Hooligans und Ultranationalisten attackieren und beleidigten die Teilnehmer. Am Ende musste die Polizei einschreiten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.