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Parteiennachwuchs : Das Märchen von der politikfernen Jugend

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Uekermann: „Parteien können abschrecken.“

„Die Zeit ist knapp, die Angebote sind riesig, und die Generation Smartphone ist ungeduldiger geworden“, beschreibt Conrad Clemens, Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, die Gründe. Da nehme er sich selbst nicht aus. Wenn man im Internet einen Klick im Online-Shop mache, werde am Tag darauf geliefert – dagegen wirke eine parteiliche Jugendorganisation mit über hunderttausend Mitgliedern in ihren Abläufen und Entscheidungsprozessen manchmal „sehr behäbig“. Ähnlich sieht man es bei den Jusos. Deren Vorsitzende, Johanna Uekermann, sagt: „Parteien können abschrecken.“ Die Positionen seien nicht immer klar erkennbar, und man brauche einen langen Atem, um seine Sache zum Erfolg zu bringen.

In der Jugendorganisation der SPD liege der Fokus deshalb inzwischen stärker auf Kampagnenarbeit. „Fünf, sechs Monate ein Thema, ein klarer Standpunkt, ein Projekt“ sollen über punktuelle Teilhabe den Weg zu parteilichem Engagement ebnen. Gut sichtbar sei das beim Thema Flüchtlinge.

Vom Leitfaden, wie Hilfe aussehen könne, bis zu Aktionen vor Ort – die Jusos brächten sich ein. Flüchtlingsarbeit, das ist ein Bereich, in dem man junge Leute vermutet, die über die spontane ehrenamtliche Hilfe hinaus auch einem parteilichen Engagement nicht abgeneigt sind. Mobilisierungspotential also. „Da gibt es die Einstellung unter den Helfern: Wir reißen etwas. Wenn wir das hier hinkriegen, können wir auch dem Staat zeigen, wie es geht“, sagt Uekermann.

„Projektbezogen zu arbeiten und darüber Leute für die Jugendorganisation zu gewinnen ist schon ein gutes Mittel“, sagt Clemens. Beim Einsatz für das Freihandelsabkommen TTIP habe man das zuletzt gemerkt. Das Prestigeprojekt schlechthin sei immer wieder der Wahlkampf, der führe zu einer großen Dynamik. Aber auch auf anderem Wege versucht die Junge Union, Tempo aufzunehmen.

Das beginnt bei der Kontaktaufnahme als potentielles Neumitglied. Früher, sagt Clemens, habe man auf der Website ein Formular ausfüllen müssen, das sei dann an den entsprechenden Kreisverband gegangen, und der habe sich schließlich zurückgemeldet. Bis es dann bei einem ersten Treffen zu einem persönlichen Kontakt gekommen sei, habe es oft Wochen gedauert.

Jetzt gibt es ein Video via Whatsapp aufs Handy, personalisiert. Im Bild: der Bundesvorsitzende Paul Ziemiak. Zudem profitiert die Junge Union von ihrer Größe. „Wir sind sehr dezentral und sehr stark in der Fläche. Über diese lokale Ebene schaffen wir eine niedrige Schwelle“, sagt Clemens. „Es macht mehr Bock, dort hinzugehen, wo schon andere Gleichaltrige sind.“

Dennoch schrumpft die Junge Union. Die Shell-Studie zeige auch nur eine Wende, keinen Aufbruch, keinen Anschluss an alte Verhältnisse, sagt Parteienforscher Elmar Wiesendahl. In den Jugendorganisationen wehrt man sich lautstark gegen die oft als unpolitisch verschriene Jugend von heute, die Shell-Studie ist Balsam. „Wenn lamentiert wird, Jugendliche seien unpolitisch und ichbezogen, ist das fast überall ein Applausgarant“, sagt Konstantin Kuhle, Vorsitzender der Jungen Liberalen.

Es gebe sie ja auch, die Neueintritte, betonen die Jugendorganisationen, nur dass schlichtweg mehr Mitglieder altersbedingt ausschieden. Das diagnostizierte gestiegene politische Interesse sei aber ein guter Nährboden, sagt Kuhle – „besser, als wenn das Ergebnis wäre, es interessiert sich per se keiner“.

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