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Zum Tode Helmut Schmidts : Macht und Eleganz

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) mit Prinz-Heinrich-Mütze, aufgenommen 1978. Bild: dpa

An die politische Lebensleistung Konrad Adenauers und Helmut Kohls kam er nie heran, er war auch nicht so umschwärmt wie Willy Brandt, nicht so kumpelhaft wie Gerhard Schröder. Doch Helmut Schmidt übertrumpfte sie alle, weil er Eleganz und Macht verband.

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          „Macht und Eleganz“ taufte Helmut Schmidt die Skulptur Henry Moores vor dem Bonner Kanzleramt, in das er 1976 aus dem Palais Schaumburg umzog und das er in eine Galerie verwandelte. Auch das zeigte seinen, bei aller Bärbeißigkeit, die er oft zur Schau stellte, ästhetischen Zugang zur Politik, der Helmut Schmidt schon den Weg in die Sozialdemokratie gewiesen hatte.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Eigentlich wollte er Architekt und Städteplaner werden, ein Berufswunsch, der zur SPD ganz gut passt, auch wenn sie einem bürgerlichen Herkommen entspricht. Der 1918 im „Vorort der geistigen Freiheit“, in Hamburg geborene Schmidt machte die Nazi-Zeit und seine Kontakte in der Kriegsgefangenschaft dafür verantwortlich, dass er Sozialdemokrat wurde. Doch der Ästhet wurde Volkswirtschaftler und Politiker auch deshalb in der SPD, weil es eleganter, „schöner“ und dramatischer war, für eine Partei zu arbeiten, die planen, steuern und lenken, nicht beharren, reagieren und bewahren wollte.

          Eines Tages sollte es heißen, Schmidt sei in der falschen Partei gewesen. Doch das ist nicht richtig. Die Partei war nur an einen Planer, einen Macher, einen Lenker geraten, der ihre Visionen mit Marc Aurel, Max Weber und Karl Popper an der Wirklichkeit maß. Und dazu hatte Schmidt wahrlich Gelegenheit genug, während seine Partei bei ihren Visionen blieb und stets mit dem Risiko haderte, neue zu verpassen.

          Rede des Bundespräsidenten : Schmidt verband Freiheit und Verantwortung

          Schmidt sah sich als Mann der Tat und litt unter nichts so sehr, als dass seine Taten nicht groß genug sein könnten. Die Rettung vieler Hamburger vor der Flutkatastrophe im Februar 1962 war ein solcher Augenblick, in dem Schmidts Tatendurst und Verantwortungsethos zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle waren und das Richtige taten. Fünfzehn Jahre später, im „deutschen Herbst“, wollte es das politische Schicksal, dass Schmidt gar nicht groß genug hätte sein können, um als Bundeskanzler das Richtige zu tun. Die Befreiung der Passagiere der „Landshut“ in Mogadischu aus der Hand von Terroristen gehört zu den mutigsten Leistungen, die ein Kanzler der Bundesrepublik zu verantworten hatte, aber die sich anschließende Ermordung des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer durch RAF-Terroristen zu den größten Demütigungen, die ein Kanzler hinnehmen musste.

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          Helmut Schmidt : Ein Ästhet der Macht

          Schmidt wurde darüber zum „Krisenkanzler“, aber auch zum tragischen Helden einer Zeit, in der sich die westdeutsche Linke in immer mehr Fraktionen spaltete und sich die SPD von einer linksradikalen bis romantischen Gesellschaftskritik zermürben ließ. Schmidts Laufbahn verlief als Verteidigungs-, Finanz- und Wirtschaftsminister, vor allem aber als „Schmidt-Schnauze“ lange Zeit wie die eines sozialdemokratischen Pendants zu Franz-Josef Strauß – bis zum Show-down beider Politiker in der Bundestagswahl von 1980, die Schmidt nur mit Hilfe einer starken FDP gewann. Wenig später stellte sich heraus, dass damit nur die Rechnung Helmut Kohls aufgegangen war, aus der Niederlage von Strauß als Sieger auch über Schmidt hervorzugehen – zwei Jahre später, mit dem Misstrauensvotum am 1. Oktober 1982, war es so weit.

          Gescheitert an der SPD oder der FDP?

          Ob Schmidt an der FDP oder an der SPD gescheitert sei, ist eine bis heute gern diskutierte Frage. Mit Brandt, dem Parteipatriarchen, den er 1974 nach der Guillaume-Affäre abgelöst hatte, und mit großen Teilen der Partei lag Schmidt in Streit wegen des Aufstiegs der Friedensbewegung und der Grünen, wegen Schmidts Amerikafreundlichkeit und seiner Zuchtmeisterei. Den Nato-Doppelbeschluss, der Moskau zu Verhandlungen und zum Abbau seiner Mittelstreckenraketen zwingen sollte, ließ die SPD nach Schmidts Sturz fallen wie eine heiße Kartoffel. So ähnlich muss sich auch Schmidt vorgekommen sein. Die FDP wiederum, mit Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff an der Spitze, fürchtete, die Wähler wieder zu verlieren, die sich von Strauß abgeschreckt fühlten, dagegen mit Schmidt gut leben konnten, aber nicht mit einer SPD, die ihm nicht mehr folgen wollte.

          Erst Jahre nach dem Scheitern Schmidts, als die ersten „Enkel Brandts“ Karriere machten, merkte die SPD (und auch die FDP), was sie an ihm hatte. Da hatte Schmidt seinen politischen aber schon gegen einen publizistischen Tatendrang eingetauscht. Als Herausgeber der „Zeit“ widmete er sich nur noch selten der leidigen Innenpolitik, kommentierte vielmehr umso lieber die Europa- und Weltwirtschaftspolitik. So – und in zahlreichen Büchern – konnte er an die globalen Facetten seiner Kanzlerschaft erinnern, die ihm wichtiger waren als die innenpolitischen Tragödien und Ränkespiele.

          Macht und Eleganz ließen sich so noch einmal versöhnen, und auch die Partei versöhnte sich mit ihrem innerparteilichen Herausforderer, der ihr ähnliche Zumutungen abverlangt hatte wie später Gerhard Schröder. Im Dezember 2011, kurz vor seinem 93. Geburtstag am 23. Dezember, war er der Star des Berliner Parteitags der SPD, gefeiert als visionärer Europäer. An diesem Dienstag starb Helmut Schmidt im Alter von 96 Jahren in Hamburg.

          Trauer um früheren Kanzler : Helmut Schmidt ist tot

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